Christoph (40) zog mit Anfang 20 von Eisenhüttenstadt nach Berlin. Im Interview berichtet er von verschwundenen Orten seiner Kindheit und dem Zusammenbruch sozialer Infrastruktur, dem Aufwachsen in den sogenannten Baseballschlägerjahren und selbstorganisierter Jugendarbeit.

Streik der IG Metall in Eisenhüttenstadt 1993

„Ich bin 1986 in Eisenhüttenstadt geboren. Das waren die geburtenstarken Jahrgänge in der DDR am Ende. Ich habe 2005 Abi gemacht, 2006 Zivildienst. Es gab keine Ausbildungsplätze in Eisenhüttenstadt. Ich habe mich überall beworben, auch beim Stahlwerk. Und habe nichts bekommen. Ich wollte eigentlich gar nicht wegziehen zu der Zeit, aber bin dann nach Berlin gegangen.

Ich bin in Fürstenberg zur Schule gegangen, wo meine Eltern auch immer noch wohnen. Vorher haben wir im siebten Wohnkomplex gewohnt. Das wurde dann irgendwann alles abgerissen. Das war so ein kompletter Wohnkomplex, der nur aus Plattenbauten bestand. Als ich geboren wurde, sind meine Eltern da eingezogen. Als ich dann alt genug war für den Kindergarten, wurde im Innenhof der Kindergarten fertig. Als ich alt genug für die Schule war, wurde dann in dem Kindergarten auch ein Hort integriert. Und als ich 18 war, haben sie alles abgerissen. Man ist durch die Orte seiner Kindheit gegangen und hat zugesehen, wie erst alles entrümpelt wurde, dann die Fenster alle draußen waren, dann irgendwann die Fassaden ab waren und man quasi in das Zimmer reingucken konnte, das früher das Kinderzimmer war. Bis dann alles abgerissen war. In der Wohnung, in der meine Familie gewohnt hat, hat außer uns nie jemand gewohnt. Das war quasi eine Instant-Wegwerf-Wohnung, im Nachhinein.

Der Anteil an Kindern pro Aufgang war damals extrem hoch. In unserem Aufgang waren in sechs Wohnungen zwei Kinder, in zwei Wohnungen sogar drei. Wenn man im Innenhof spielen gegangen ist, war man umgeben von hunderten Kindern. Die Innenhöfe waren auch sehr groß, hatten auch mehrere Spielplätze. Das Aufwachsen Ende der Achtziger, Anfang der Neunziger, war wie ein Kinderfest. Die heutige Erziehung von Kindern ist sehr auf die Bindung zwischen Kind und Eltern ausgelegt. Das war sie damals gar nicht. Da wurde sehr viel auf Entbindung und auf Selbstständigkeit fokussiert. Und das war mit guten Absichten verbunden. Es geht darum, Menschen zu selbstständigen Bürgern zu erziehen, die nicht in Abhängigkeit aufwachsen, die nicht von irgendwas abhängig sind. Das war eine andere Philosophie. Die Mutter, die zu Hause war, das war ja auch relativ unüblich. Meine Eltern mussten um sechs auf Arbeit sein. Und da weiß ich noch, dass wir relativ früh selbst zum Kindergarten gelaufen sind. Aber das klingt jetzt übertriebener, als es ist, weil von unserer Wohnungstür zum Kindergarten waren es 20 Meter. Dass Eltern ihre Kinder zum Kindergarten bringen, das war nicht notwendig, weil in jedem Innenhof von jeder Plattenbausiedlung gab es Kindergärten.

Als Kind war es für mich Normalität, in einer Form von Zusammenbruch zu leben – dass die Stadt immer kleiner wird, dass alle wegziehen, in den Westen gehen oder arbeitslos sind. Unser Abi-Treffen findet immer auf der Wiese statt, wo früher mal unsere Schule war.

Meine Generation ist in den Baseballschlägerjahren aufgewachsen. Für uns waren die Faschos ein Feindbild. Und diejenigen, die sich das nicht positiv verklärt haben, sind sich eigentlich noch klar darüber, dass diese Leute jetzt eine Partei gefunden haben, die halt gewählt wird.

Ich bin auch geprägt durch Deutschrap und Hip-Hop, Skaten, Breakdance. Wir hatten einen Jugendclub in einem alten Kindergarten. Und da haben wir mit Fördergeldern vom Europäischen Sozialfonds ein Tonstudio eingerichtet, mit den Jugendlichen Mucke gemacht, Musikvideos aufgenommen und quasi Jugendarbeit gemacht. Verzweifelt bin ich immer wieder an den autoritären, bürokratischen Strukturen. Dann hieß es: Nee, so geht das nicht, da könnte ja jeder kommen. Und das sorgt natürlich dafür, dass du irgendwann aufhörst oder eben wegziehst. Wir waren junge, engagierte Leute, die Jugendarbeit gemacht haben – privat, nicht beruflich. Wir haben in unserem Hobby Dinge gemacht, für die es noch fünf Jahre vorher Leute gab, die dafür bezahlt wurden. Und Demokratie ist nicht einfach nur wählen gehen. Demokratie ist ein Habitus, eine Lebensform, ist eben genau das: Jungen Menschen die Möglichkeit zu geben, zu partizipieren. Wenn Demokratie wegfällt, dann sickert irgendwann Faschismus in jede Lücke ein, die Demokratie hinterlässt. Vorher gab es auch einen autoritären Staat. Dieser autoritäre Staat hat es aber geschafft, die Leute in irgendeiner Weise partizipieren zu lassen. Wenn du in der SED warst, wenn du bei den Thälmann-Pionieren warst, wenn du in der FDJ warst, gab es tausend Möglichkeiten, sich zu engagieren. Das ist alles weggefallen nach der Wende. Und da hätte es eine demokratische Antwort geben müssen. Die gab es aber nicht. Wenn bei uns zehn Nazis vor dem Jugendclub standen, dann kam keine Polizei. Die haben gesagt: Nee, das müssen die Jugendlichen unter sich klären.

Und was in dem Jugendclub der Fall war: Wir hatten die Spätaussiedler bei uns mit drin, also Russen – gewaltbereit, durchtrainiert und kampferfahren. Da die Russen bei uns auch rassistisch angegangen wurden von den Nazis, waren sie quasi eine Schutzmacht für uns im Jugendclub. Wenn die Nazis vor der Tür standen, haben sie gesagt: Ja, auf jeden Fall, wir kommen sofort runter.

Mein Aufwachsen in der Zeit war extrem durch Unsicherheit geprägt. Es gab gewisse Innenhöfe, da bist du nicht langgegangen. Wenn du in einem Club oder in einer Kneipe warst, musstest du immer ein Gefühl haben für den Raum, du musstest immer ein Ohr irgendwo haben. Das habe ich heute immer noch. Aber damals war es so, du musstest immer ein Ohr dafür haben: Eskaliert gerade irgendwo was? Sind alle deine Leute noch da? Wurde irgendjemand rausgezogen, wurde irgendjemand aufs Klo gezogen? Du warst mit einer Gehirnhälfte immer in Hab-Acht-Stellung. Die Wahrscheinlichkeit, das was passiert, war immer gegeben. Und es ist auch häufig genug was passiert. Du hattest ja keine Chance gegen die Nazis. Das waren zu viele und die waren zu groß und die waren auch viel älter. Es gab ja auch keine Orte ohne Nazis. Egal in welchem Club, egal in welcher Kneipe, da waren immer Nazis und du musstest immer genug auch von denen privat kennen, um da irgendwie deine Ruhe zu haben. Du hattest ja nicht immer zehn gewaltbereite Russen in der Nähe und es gab keine Antifa.

Meine Eltern waren eigentlich klassische Wendeverlierer. Die Sachen, die meine Eltern vor der Wende gemacht haben, wurden nach der Wende nicht mehr so anerkannt. Vor der Wende ist ja niemand arbeitslos gewesen in der DDR. Die Grundbedürfnisse – Essen, Trinken, Wohnraum, Strom – waren vor der Wende immer gegeben. Das stand überhaupt nicht zur Debatte, dass das nicht gegeben sein könnte. Und nach der Wende war die Zeit dann sehr geprägt durch Unsicherheit, durch Arbeitslosigkeit und diese Herabwertung, weil man ja nur ein Ossi ist. Mein Vater war Baumaschinist. Das gibt es heute in der Form gar nicht mehr, aber das war ein sehr hoch angesehener Beruf, weil du die modernsten Baumaschinen der Zeit bedient hast. Vor der Wende konnte er im Ausland arbeiten, im Irak und in Griechenland. Dadurch hatten wir Westgeld. Das heißt, eigentlich hatten wir alles, was man sich überhaupt in DDR-Zeiten hätte kaufen können. Wir hatten ein Wochenendhaus, wir hatten eine Praktica-Spiegelreflex, einen Plattenspieler, einen Farbfernseher, Schränke, Bücher, alles Mögliche. Und dann ja sogar eine 100-Quadratmeter-Plattenbauwohnung.

Im Westen war Baumaschinenführer eine zweiwöchige Weiterbildung für Tiefbauer. Das heißt, es war ein hoch angesehener Beruf, der durch die Wende krass entwertet wurde. Durch seine Kompetenz konnte mein Vater dann irgendwann wieder Anschluss finden, weil er auf dem Bau ein extremer Experte gerade für diese alten Maschinen war. Aber nach der Wende ist er in ein ziemliches Loch gefallen.

Meine Mutter hat damals Kulturwissenschaften studiert und dann am Theater gearbeitet. Sie war in der SED und hat Kulturveranstaltungen für die Arbeiterinnen und Arbeiter vom Eisenhüttenkombinat Ost organisiert. Und diesen Beruf gab es dann gar nicht mehr. Ihr Studium wurde nicht anerkannt, wodurch sie dann nach der Wende nochmal eine komplett neue Berufsausbildung gemacht hat. Auch den ganzen Kulturbetrieb gab es nach der Wende nicht mehr. Also es gab keine Galerien mehr, es gab kein Geld für das Theater. Zu DDR-Zeiten gab es extrem viel Geld für Kultur. Und diese ganze Kulturszene ist ja dann weggebrochen oder allerspätestens unter Schröder weggespart worden. Dieses Selbstverständnis für Kunst war einfach immer ein anderes. Es ging immer darum, dass das Arbeitermilieu auch künstlerisch erzogen werden sollte.

Auch wenn meine Mutter studiert hat – ich würde mich als Bildungsaufsteiger bezeichnen. Das ist vielleicht ein bisschen Etikettenschwindel, aber ich bin der Erste, der promoviert hat in meiner Familie, der in eine Metropole gegangen ist und in diesem ganzen universitären System klarkommen musste. In der DDR hatten nur hohe Akademiker oder Kaderleute einen höheren Lebensstandard als meine Familie. Ich glaube, ich bin jetzt in meinem Leben bei dem Lebensstandard angekommen, den wir zu DDR-Zeiten hatten. Meine Eltern haben diesen Lebensstandard nie wieder erreicht.“