Weißwasser Geschichten
„Die Glasproduktion hat eine Kultur mit sich gebracht, die immer noch existiert und nachhaltig ist“
Juliette Holtz hat mit Antonia Mertsching, die von 2019 bis 2024 Abgeordnete des Sächsischen Landtags war, über den Strukturwandel in Weißwasser gesprochen. Der Podcast wurde von Helena Kater produziert.
Helena Kater hat an der Universität Greifswald einen Bachelor-Abschluss in Öffentliches Recht und Kommunikationswissenschaft erworben und bereitet sich derzeit auf das juristische Staatsexamen vor. Juliette Holtz studiert Politikwissenschaft im Masterstudiengang an der Universität Greifswald. Dieser Podcast wurde im Jahr 2026 produziert.
Helena Kater: Der Begriff des Strukturwandels ist allseits bekannt. Es ist vor allem ein politischer Begriff, aber auch ein Begriff, der mit sehr vielen, sehr starken Emotionen verknüpft ist. Es geht um Aufbruch, Veränderung, Zukunftsängste, das Aufrechterhalten des Bestehenden trifft auf einen Aufbruch in eine ungewisse Zukunft. Damit einhergehen Gefühle wie Nostalgie und Konflikte zwischen verschiedenen Generationen. Aber all das sind nur Ausschnitte dessen, was Strukturwandel bedeuten kann. Konkret soll es heute um die Region der Lausitz gehen. Es geht heute um die große Kreisstadt Weißwasser, welche sich im Nordosten von Sachsen befindet in einer heidereichen Braunkohlelandschaft und einst eine Industriestadt war, die vor allen Dingen für die Kohleförderung und für die Glasindustrie bekannt war. Weißwasser sieht sich jetzt großen strukturellen, aber vor allem auch gesellschaftlichen Problemen ausgesetzt, die sich in politischen Konflikten und dadurch auch in gesellschaftlichen Unzufriedenheiten äußern. Diesen Problemen und diesen Chancen hat sich meine Kommilitonin Juliette Holtz im Interview mit der ehemaligen Abgeordneten des Sächsischen Landtags für Die Linke, Antonia Mertsching, gestellt. Sie haben über den Strukturwandel in Weißwasser gesprochen, aber vor allen Dingen auch über Chancen und Ideen für diese Stadt, denn davon gibt es viele. Mein Name ist Helena Kater, ich werde dieses Interview als Host im Hintergrund begleiten und darf Sie hiermit ganz herzlich einladen zu diesem Gespräch, welches thematisch nicht aktueller sein könnte.
Antonia Mertsching: So eine Entwicklung von so einer Stadtgeschichte, das ist ja jetzt auch nichts, was man dann im Alltäglichen hat, sondern das sind ja Prozesse, die man über Jahre begleitet und Geschichten, die man erzählt und über Weißwasser kann man sowohl die Wegzugs-, Schrumpfungs-, Verlierergeschichte erzählen als auch die Aufbruch-, Hoffnungs-, Wir-leben-hier-gerne-Geschichte. Dann geht es ja darum, eine Perspektive wieder in Weißwasser zu haben und ich glaube, wenn man als Jugendlicher oder als Kind eine coole Zeit in Weißwasser hat, dann kommt man, glaube ich, auch gerne zurück, wenn man dann auch eine Arbeitsperspektive hat, die vielleicht nicht nur in der Kohle arbeiten ist oder die vielfältige Jobs oder selbstständige Tätigkeiten ermöglicht. Es wäre natürlich auch cool für Weißwasser, wenn es dort einen Standort geben würde, entweder von einem Institut oder eine besondere Ausbildungsmöglichkeit. Damit wiederum andere Jugendliche, aus anderen Gegenden, andere junge Leute dann nach Weißwasser kommen und dort ihre Ausbildung in Anführungsstrichen machen müssen. Dann vielleicht auch die Stadt für sich entdecken und dann bleiben. Es müsste eigentlich eine Gesamtstrategie geben, wie es dann mit den anderen Städten, die große Mittelzentren sind, wie Zittau, Löbau oder Weißwasser und sich zu diesem Deutschen Zentrum für Astrophysik verhalten. Und da ist ja auch die Idee, in Weißwasser eine Kinder- und Jugendakademie aufzubauen. Weißwasser als Wohnstadt zu entwickeln. Und wenn man eine Stadt als Wohnstadt entwickelt, dann eben auch ein gewisses kulturelles Freizeitangebot, also Kulturelles/Freizeitangebot aufrechtzuerhalten und den Leuten vor Ort die Möglichkeit zu geben, sich einzubringen und was auf die Beine zu stellen – essentiell. Da gibt es nur leider widerstreitende Entwicklungen. Auf der einen Seite wird die Lausitz mit Geld zugeschüttet aus dem Bund, aber die Kommunen, also im Norden des Landkreises Weißwasser zum Beispiel, und Weißwasser ist da auch sehr schlecht aufgestellt finanziell, überhaupt keine Mittel haben, diese Sachen abzurufen. Beziehungsweise mutige Bürgermeister das im Vorfeld gemacht haben – trotz der Haushaltslage, und der jetzige Stadtrat und die jetzige Oberbürgermeisterin, die den Mut nicht mehr haben oder es auch nicht sehen. Die wollen am liebsten alles eindampfen, einstampfen und da fragt man sich, was ist denn deren Vision für Weißwasser? Wie wollen die denn noch Weißwasser entwickeln? Und da braucht es einfach Leute, die auch sagen: Nein, wir haben hier eine Zukunft, wir leben in einer schönen Stadt und wir streichen nicht unseren ganzen Verein die Kohle. Das ist traurig, dass irgendwie jetzt eine Mehrheit im Stadtrat existiert, die keinen Mut hat und auch keine Vision für die Stadt.
Juliette Holtz: Jetzt nochmal in Bezug auf, weil ich auch mit dem Telux viel über junge Menschen geredet habe. Was kann man da sagen? Welche Angebote kommen vielleicht bei Jugendlichen besonders gut an? Und was fehlt? Klar, ein Faktor wird sein, dass es, glaube ich, keine Hochschule gibt. Klar, man kann eine gewisse Ausbildung machen, aber wenn man an die Hochschule geht, dann würden wahrscheinlich manche nach der Schule eh die Stadt verlassen. Aber ja, wie ist das da?
Antonia Mertsching: Ja, es kommt ja immer darauf an, über welches Alter von Jugendlichen man jetzt spricht. Ich glaube Jugendliche zwischen 12 und 19, die wollen eigene Möglichkeiten haben Freifeldaktivitäten nachgehen zu können. Dass mal was los ist, Räume, in denen man sich irgendwie austoben kann oder Wälder, durch die man ziehen kann. Oder einfach zu Hause hängen vor dem Netz und gutes Internet, also vorm Handy und gutes Internet haben. Das ist auf der einen Seite wichtig und dann, ich finde es schon okay, auch als Jugendlicher wegzugehen und woanders eine Ausbildung zu machen oder ein Studium. Dann geht es ja darum, eine Perspektive wieder in Weißwasser zu haben. Ich glaube, wenn man als Jugendlicher oder als Kind eine coole Zeit in Weißwasser hat, dann kommt man, glaube ich, auch gerne zurück, wenn man dann auch eine Arbeitsperspektive hat, die vielleicht nicht nur in der Kohle arbeiten ist oder die vielfältige Jobs oder selbstständige Tätigkeiten ermöglicht. Es wäre natürlich auch cool für Weißwasser, wenn es dort einen Standort geben würde, entweder von einem Institut oder eine besondere Ausbildungsmöglichkeit. Dass wiederum andere Jugendliche, aus anderen Gegenden, andere junge Leute dann nach Weißwasser kommen und dort ihre Ausbildung in Anführungsstrichen „machen müssen“. Und dann vielleicht auch die Stadt für sich entdecken und dann bleiben, so wie es ja vielen Studierenden auch passiert, die irgendwo hin gehen, dass sie dann auch einfach in der Stadt bleiben, in der sie studiert oder ihre Ausbildung gemacht haben. Da kann man schon viel machen, aber auch da streicht die Politik ja irgendwie zusammen, was geht in Weißwasser – gerade für Jugendliche. Wir haben uns als Linke in den fünf Jahren, in denen ich im Landtag war, auch extrem stark dafür eingesetzt, dass die Jugendlichen gehört werden. Sie haben dann da so einen schönen Prozess irgendwie aus dem Boden gestampft, wo sie dann an die Schulen gehen und irgendwelche Präsentationen über den Strukturwandel halten, wo sie denken, so holt man doch keine jungen Leute ab. Vor allen Dingen denken sie sich irgendwas aus und dann stellen sie denen ja auch gar keine Kohle dafür zur Verfügung. Ich glaube, junge Leute von heute, die haben andere Ansprüche sich einzubringen und man sollte auch das sehen und ihnen auch ermöglichen. Auch wenn man mit jungen Leuten anders arbeiten muss als mit Erwachsenen oder da mit anderen Umständen umgehen muss. Aber das heißt ja nicht, dass die irgendwie irrelevant sind. Jetzt in Weißwasser haben die Jugendlichen vor allem damit zu kämpfen, dass ständig Unterricht ausfällt. Und da reißen sich noch die Direktoren irgendwie den Arsch auf, dass sie dann irgendwie stattdessen mehr zum Beispiel schon mal in die Arbeit reinschnuppern können oder wie auch immer. Damit versuchen sie irgendwie den Unterrichtsausfall zu kompensieren. Also es gibt Leute in Weißwasser, die sich echt engagieren und denen wird eigentlich nur, denen wird die ganze Zeit irgendwie, alles kaputt gemacht. Also ich will jetzt auch nicht hier so, also wenn es schon manchmal frustrierend in Weißwasser war, dann ist es jetzt richtig schlimm.
Juliette Holtz: Und es gibt ja dann diese Angebote, über die dann auch stark medial berichtet wird. Mit diesem Rückkehrer-Telefon nennt sich das, oder? Und dass natürlich dann der Fokus daraufgesetzt wird, dass selbst wenn man für die Ausbildung weggeht, dass man dann später zurückkommt. Klar, irgendwie zurück zu der Familie vielleicht oder auch, dass das Wohnen natürlich günstiger ist oder man näher an der Natur ist. Wie hattest Du das wahrgenommen in der Zeit? Wird das viel genutzt oder ist das eher so am Rande…?
Antonia Mertsching: Dieses Rückkehrer-Telefon ist natürlich ein cooler Gag. Es gibt ja auch ein Lied darüber, was Bernadette La Hengst, als sie 2019 so ein Projekt in Weißwasser gemacht haben, über 100 Jahre Bauhaus, weil Weißwasser hat ja auch eine Bauhausgeschichte. Darauf wird man auch oft angesprochen, weil Weißwasser war ja durch den Strukturwandel auch viel in den Medien. Und dann kam auch immer wieder dieses Rückkehrer-Telefon zur Sprache. Ich weiß gar nicht, ob es das heute noch gibt, ob die Oberbürgermeisterin das jetzt auch noch laufen lässt. Aber da rufen schon auch Leute an. Und was, glaube ich, bemerkenswert ist oder worauf man sich vielleicht in der Stadtentwicklung auch mal einstellt oder sich ja auch fokussieren könnte, dass man vielleicht nicht auch immer nur junge Familien erreicht, die zurückkommen wollen, sondern dass man vielleicht auch Leute Ü-55 erreicht, die keinen Bock mehr haben in einer großen Stadt zu leben oder die sich noch mal verändern wollen oder die von der Lausitz gehört haben und gesagt haben: Dann gehe ich jetzt dahin. Und da könnte man sich eigentlich auch mal gezielt darauf spezialisieren oder eine, ich meine, man kann für alles eine Strategie entwickeln und sagen: Aha, wenn es anscheinend irgendwie die Boomer(-Generation) und die, die danach gekommen sind, manche sind da irgendwie mobil, die dann nochmal sagen: Ich verbringe meinen Lebensabend nochmal woanders, meine letzten Berufsjahre oder dann meine Rente. Und es ist ja auch nicht schlecht, ältere Menschen in der Stadt zu haben. Aber dann braucht man natürlich auch für die ein Angebot, wie man die dann auch in die Stadtgesellschaft einbindet und wie man denen die Möglichkeit gibt, sich einzubringen. Das kann auch eine Strategie sein. Ich meine, wir werden ja immer älter, auch in unserer Gesellschaft. Da kann man nicht immer erwarten, dass die jungen Leute kommen. Migranten will man ja meistens nicht haben. Das sind ja nun mal auch viel da, wo auch noch viele Familien unterwegs sind. Und wenn man dann sagt, okay, wir brauchen hier aber Zuzug, und es ist ja dann erstmal egal, was das für ein Zuzug ist, dann muss man sich halt mal angucken: Okay, wer kommt hierher oder wer hat ein Interesse hierher zu kommen und wie können wir das fördern.
Juliette Holtz: Und dann, weil wir uns ja auch sehr in dem Projekt mit Medien beschäftigen, also wie wird über Städte wie Weißwasser berichtet und wie nehmen Sie das wahr? Also ich habe immer das Gefühl es ist immer eine bestimmte Konstruktion ostdeutscher Identität und geht durch die politische Kommunikation und dann natürlich durch die Medien. Oder wie wird das in der Stadt überhaupt wahrgenommen?
Antonia Mertsching: Wie das in der Stadt wahrgenommen wird, kann ich, also ich glaube, man ärgert sich halt dann schon immer, wenn mal wieder irgendwie so ein Artikel oder Video oder was auch immer, der es als irgendwie so trost- und hoffnungslos darstellt. So ist es ja halt nicht gewesen oder ist es ja auch nicht, weil solange es Menschen gibt, die Hoffnung haben und die sich engagieren, gibt es das und da kann man auch sofort Anschluss finden, wenn man nach Weißwasser kommt. Also wer sich einbringen und engagieren will, der findet sofort Vereine, Leute, alles Mögliche, wo man mitmachen kann. Von daher macht dann so eine schlechte Berichterstattung, ist dann schon irgendwie, klar, immer so ein Schlag in die Magengrube. Es gab auch viele, aber auch coole Artikel, also vor allen Dingen ja auch viel über Telux und die Leute, die sich da engagieren oder halt auch Torsten Pötzsch, den Bürgermeister vorher, der sich viel engagiert hat und so. Manchmal ist dann nur, ich habe halt auch schon Artikel gelesen, wo du genau weißt, okay, da hat es halt ein Journalist geschafft irgendwie mit drei Leuten zu sprechen und dann wirst du wissen, warum genau die Geschichte jetzt wieder erzählt wird, aber nicht mal irgendwie weitergegraben wird.
Juliette Holtz: Spielt denn die Glasgeschichte heute noch für das Selbstverständnis der Stadt und die Menschen eine Rolle?
Antonia Mertsching: Also ich fand es witzig, dass von vielen älteren Frauen, die ich kennengelernt habe in der Stadt, also so gefühlt jede Dritte, mir erzählt hat, dass sie in der Glasproduktion eine Ausbildung gemacht hat. Also auch wenn die heute in was ganz anderem arbeiten, aber so in den persönlichen Biografien spielt das eine Rolle. Die Stadt hat das Glasmuseum. Das heißt, da wird natürlich auch Geschichte aufrechterhalten. Es soll ja jetzt auch mit der Entwicklung der Gelsdorfhütte, was so eine Ruine am Bahnhof ist, das soll als Gelände ja entwickelt werden, wo auch was zu dieser Geschichte erzählt wird. Leider gibt es aber auch in der Stadt Leute, die das nicht so wichtig finden. Also da haben wir ja viel drum gestritten im Stadtrat darüber, ob das finanziert werden soll, dieser Ausbau der Gelsdorfhütte, auch dann zur Besichtigung und für die Stadtgeschichte. Und klar gibt es das Telux-Gelände und ich habe halt auch mal so eine coole DVD gesehen von Schülerinnen, die die Geschichte von Weißwasser mit der Glasindustrie dann auch dargestellt haben und wo man das auch mal alles sieht, wie viel das war, das kann man sich auch gar nicht vorstellen. Man hat ja auch im Prinzip auch so coole Gründerzeithäuser in Weißwasser in verschiedenen Ecken, wo man in der Dresdner Neustadt oder in Leipzig Connewitz oder was auch immer da irgendwie an coolen Gebäuden leben kann, nicht nur in Plattenbauten. Die Glasgeschichte könnte noch mehr eine Rolle in der Stadt von Weißwasser spielen. Gerade auch, weil ja die Landschaft es hergibt. Weil die Landschaft ja selber die Glasproduktion ermöglicht hat durch die Kohle, durch den Sand. Und das wird auch versucht mit verschiedenen Projekten anzugehen. Die Christine Lehmann vom Glasmuseum, die ist da ja auch mit beschäftigt. Dazu auch mit anderen Städten zusammen überregional diese Geschichte der Glasproduktion zu erzählen. Da bin ich auch froh, dass das gemacht wird. Also es ist nicht nur die Kohle, die die Region kriegt, es ist vor allen Dingen die Glasindustrie, die sie geprägt hat auch.
Juliette Holtz: Ich habe auch so ein bisschen da herausgehört, sozusagen aus dieser politischen Perspektive fehlt ja vor allem nicht unbedingt Geld, weil es gibt diese Gelder, aber sie werden auch falsch verteilt. Oder es fehlt jetzt der Mut oder der wirkliche Wille, da was zu verändern und was auf die Beine zu stellen.
Antonia Mertsching: Ja von politischer Seite fehlt, glaube ich, schon die Sicht darauf. Also ich meine, die Glasindustrie, die ist im Prinzip mehr oder weniger einfach gestorben in den 90ern, obwohl zum Beispiel in Weißwasser ein Glas produziert worden ist, was man auf den Boden fallen lassen kann, was nicht zerspringt.
Juliette Holtz: Dieses superfest…
Antonia Mertsching: Ja, das ist total abgefahren. Und jetzt ist man mit dem Kohleausstieg beschäftigt und dann versucht man natürlich diesen Kohleausstieg auch kulturell zu verarbeiten. Und was bleibt denn vom Kohleausstieg? Davon bleiben Löcher in der Landschaft und da müssen wir sehen, ob wir die noch mit Wasser vollkriegen. Und wenn es gut kommt, bleiben schöne Badeseen irgendwie übrig. Aber trotzdem natürlich auch klimatische Folgen, also Wassermangel und so weiter, da gibt es ja noch einige Folgekosten. Aber die Glasproduktion, die hat ja auch eine Kultur mit sich gebracht, die ja auch fortbleibend noch existiert, die nachhaltig ist und die was hermacht in der Hinsicht. Da es ist eigentlich zu wenig, was da in der Hinsicht passiert, um für sich selber und auch für Leute von außen, die es interessiert, die touristisch dann auch nach Weißwasser kommen, diese Geschichte zu erzählen. Und dass das gesehen wird, weiß ich nicht, ist glaube ich… Nachwachsende Rohstoffe, lang haltbare Rohstoffe, sorry, spielen im kapitalistischen Verwertungssystem immer nicht so eine richtige Rolle und ich glaube, wenn man da nicht noch irgendwie Geld in irgendwas reinstecken muss, von dem man glaubt, das ist sowieso schon vorbei, na, dann freut sich die Politik immer.
Juliette Holtz: Ich hatte auch das Gefühl, dass auch wenn es ums Telux ging, also jetzt an medialen Berichten, dass es natürlich schon immer positiv hervorgehoben wird. Dann geht es viel, naja, es ist schwierig. Also ich glaube, jetzt ist ja die Finanzierung nur bis 2026 erstmal gesichert.
Antonia Mertsching: Aber es ist ja natürlich krass, dieses Riesengelände und wie das bespielt wird. Also da ist ja von Handwerk über da vorne ist dann die Kantine drin, dann die Arbeitsagentur, hinten das Telux. Da werden Spielplätze gebaut auf dem Gelände. Ich habe da gar keinen Überblick, was da alles drauf ist. Und dann findet ja auch das Lausitz-Festival dort statt. Und das sind ja auch immer wieder Gelegenheiten, wo Leute auf das Gelände kommen und wo man natürlich auch auf dem Gelände noch viel mehr die Geschichte des Geländes irgendwie erzählen kann. Wo es natürlich auch total cool wäre, da so einen Rundgang zu entwickeln. Aber wer soll das machen? Und das sind dann wieder die verschiedenen föderalistischen Verantwortungsebenen, weil die Kulturförderung für die Betreibung des Telux, die kommt halt ja vom Land mit Ergänzung der Kommune. Und wenn dann sozusagen irgendeine AfD-krause Mehrheit im Stadtrat sagt: Nee, wollen wir nicht mehr, dann kann das Land noch Geld geben oder der Bund sagen, ja Lausitz-Festival, dann müssen die sich halt was anderes einfallen lassen, wie das dann erhalten werden soll. Aber das sind halt auch diese unterschiedlichen Finanzierungsebenen und Verantwortlichkeiten, die es dann halt so kompliziert machen und was dann nach außen cool strahlt und wo Leute sagen, wir kommen nach Weißwasser und gucken uns das Telux an oder gehen ins Soziokulturelle Zentrum oder auch von umliegenden Dörfern aus der Region und so weiter. Und die Leute in der Stadt verhalten sich einfach so. Ich könnte ja, ich denke mir manchmal so, dann sollten sie es wenigstens ignorieren, sie müssen ja nicht hingehen oder es in Ruhe lassen, aber aktiv kaputt machen, das ist doch dumm. Also, ja, alle wollen immer in den großen Städten leben. Dabei finde ich das Leben in diesen kleinen Orten eigentlich viel interessanter. Man ist näher an den Menschen dran. Man muss sich auch mit Nachbarn auseinandersetzen, mit denen man nicht eine Meinung teilt. Aber man hat irgendwie alles, was man braucht. Ich bin jetzt nicht so eine Person, ich muss jetzt nicht jeden Abend irgendwie in eine Bar gehen. Aber selbst das ist ja auch in Weißwasser möglich oder man kommt ja auch mal weg, wenn man irgendwie was anderes erleben will. Also ich finde es schade, dass das Leben in der Kleinstadt nicht modern ist, obwohl das nämlich so schön ist und man so viele Möglichkeiten hat, sich selbst zu verwirklichen. Es muss einfach wieder mehr werden.
Juliette Holtz: Klar, Infrastruktur ist ja auch ein Thema. An sich ist man ja schnell auch in Berlin oder Cottbus und so weiter. Aber ich habe jetzt ja auch selbst, als ich überlegt habe, diese Woche zu fahren, also jetzt bin ich gerade in Berlin, da ist ja auch irgendwie Ersatzverkehr und dann ist man trotzdem irgendwie fast vier Stunden unterwegs. Also das sind ja auch wieder dann Themen.
Antonia Mertsching: Ja, das stimmt schon. Aber ich meine, das soll ja auch mit der Zuganbindung besser werden. Dafür muss natürlich erst mal gebaut werden und dann dauert es erstmal länger. Ich weiß schon. Aber es ist auch immer, also wenn ich dann nach Weißwasser gefahren bin von Dresden aus zurück und dann mal die Autobahn da bei Bautzen runter, das war ja mal eine Dreiviertelstunde Autobahn und eine Dreiviertelstunde Landstraße. Es ist abgefahren, wie das dann so, die Dörfer, erst sind sie noch ganz nah beieinander und dann werden die Abstände immer größer und man hat echt so das Gefühl, man fährt an das Ende von Deutschland. Und es hat auch einfach so seinen Wert an sich. Also Weißwasser ist umgeben von Wäldern und das ist einfach, wenn man da mal so drüber guckt und so, das ist schon… Ich finde es einfach schön, auch die ganzen Seen dort und so. Wenn ich da unterwegs war, habe ich immer gedacht, ja krass, woanders fahren sie alle hin und dann steht im Lonely Planet, ja, da kannst du dir irgendwie so abgefahrene Landschaften angucken und hier ist es dein Zuhause.
Juliette Holtz: Ja, und auch die Nähe zu Polen ist eigentlich auch ganz cool.
Antonia Mertsching: Klar, auf einmal stehst du in einem anderen Land.
Juliette Holtz: Vielleicht noch so, ja, jetzt so ein Blick in die Glaskugel quasi, wenn wir jetzt an Weißwasser im Jahr 2035 oder so denken. Was wäre da die Hoffnung? Was sollte sich vielleicht verändert haben? Oder was soll auch natürlich so bleiben?
Antonia Mertsching: Bei Weißwasser, die Hoffnung ist schon, dass sich mehr Menschen entscheiden, auch in diese Umbruchsregion zu gehen und dort zu leben oder Menschen auch sagen: Wir kommen zurück, wir gehen nach Hause, wir gehen zu unseren Familien, auch zurück zu unseren Wurzeln und dass vielleicht nicht immer der bestbezahlte Arbeitsplatz gesucht wird, sondern einfach auch die hohe Lebensqualität, die man irgendwie da haben kann. Dass Menschen auch die Möglichkeit nutzen, sich selbst zu organisieren und sich selbst ihre Lebenswirklichkeit zu gestalten, was halt in so einem Ort, in so einer Kleinstadt einfach viel besser geht. Nicht nur irgendwie die ganzen tausend Angebote der Großstadt wahrzunehmen, sondern selber Angebote zu schaffen oder mit anderen zu organisieren.
Helena Kater: Ich glaube, abschließend lässt sich sagen, dass dieses Gespräch zwischen meiner Kommilitonin und Frau Mertsching gezeigt hat, dass es zwar eine Bandbreite an Problemen in Weißwasser gibt, aber eben auch, dass in dieser Stadt und diesen Umbruchregionen wahnsinnig viel Potenzial steckt, was man in Zukunft aus ihnen machen kann. Klar ist, dass denjenigen, die sich bemühen, Lösungen und Visionen für Städte wie Weißwasser zu finden, keine Steine in den Weg gelegt werden dürfen, da ein Strukturwandel immer von den Menschen ausgehen muss, die von den Strukturen vor Ort profitieren und sie brauchen. Geld allein ist somit keine Lösung, auch wenn die Lausitz zwar monetär gefördert wird, zeigt das allein keine Ergebnisse. Da es Menschen braucht, die die Projekte erst entwickeln und ausgestalten. Ohne Ideen bleibt Geld ein Mittel ohne Nutzen. Ich danke Ihnen allen ganz herzlich fürs Zuhören und hoffe, dass Sie etwas aus diesem Gespräch mitnehmen konnten und vielleicht ja selber Ideen oder Projekte haben, die Sie in Zukunft in solchen Regionen verwirklichen möchten.