James (62) hat fast sein ganzes Leben in Rotherham verbracht – genau wie seine Familie, die über Generationen bei Steel, Peech & Tozer arbeitete. Seine Geschichte ist untrennbar mit dem Stahlwerk verbunden – und mit einer Lebensweise, die es geprägt hat.

Großkran (Magna Steelworks)

„Ich bin hier geboren, habe die meiste Zeit meines Lebens hier gelebt. Bin wegegegangen für das College, für die Universität. Und dann wieder hierher zurückgekommen. Als wir 18 waren, gab man uns die Wahl: Ihr könnt eine Ausbildung im Stahlwerk machen, ihr könnt eine Ausbildung bei der staatlichen Organisation für Kohlebergbau (National Coal Board) machen oder ihr könnt zur Universität gehen. Oh, Universität, bitte! Aber viele Freunde aus der Schule haben damals eine Ausbildung gemacht. Inzwischen ist das alles weg. Viele Ausbildungsmöglichkeiten sind verloren gegangen, zusätzlich zu den Jobs.

Meine ganze Familie hat immer in Stahlwerken gearbeitet. Mein Urgroßvater war Schmelzmeister bei Steel, Peech & Tozer. Auch mein Großvater arbeitete im Stahlwerk. Beide Großväter. Mein Vater fing als Sägemann in der Stahlveredelung an, bis er sich bei der Arbeit verletzte, Bandscheibenvorfall. Er konnte zwei Jahre nicht richtig arbeiten, Wirbelsäulenextension, und hat dann umgelernt zum Kranführer. Wieder am gleichen Ort, der Stahlveredelung bei Steel, Peech & Tozer; British Steel und so weiter bis zur Arbeitslosigkeit. Ich hatte das Glück, zum letzten Tag von British Steel eingeladen zu werden und mein Vater nahm mich mit in seinen Kran und wir tuckerten entlang, bis er sagte: James, drück diesen Knopf. Ich ließ die letzte Ladung Schrott in den Stahlofen fallen, bevor British Steel geschlossen wurde. Wir sahen wie Männer die Türen des Stahlwerks zuschweißten. Ich ließ den letzten Stahl hineinfallen und dann ging es in den Temple Pub, und am Ende habe ich die ganze Nacht mit meinem Vater durchgezecht.

Es war wirtschaftlich gesehen eine sehr wichtige Gegend mit den Stahlwerken und den Minen. Man wusste immer: Wo ein großes Stahlwerk stand, war das immer auch ein Ort von Bedeutung: Man kannte ihn aus den Nachrichten, wusste, dass hier etwas passierte. Und man kannte die Namen der Stahlarbeiter-Städte – Stockbridge und so weiter. Und man wusste, wo das war, weil es eine große stahl- oder kohlefördernde Region war. Ich denke schon, dass das heute irgendwie in Vergessenheit geraten ist, weil dort nichts mehr produziert wird. Warum? Warum sollte man noch wissen, wo diese Orte ist? Warum sollte man noch etwas darüber wissen müssen? Aber ich bin wirklich stolz, aus Rotherham zu kommen.

Wir hatten eine starke Gemeinschaft, vielleicht noch mehr in den Minen als in den Stahlwerken. Mein Wissen kommt eher über die Stahlwerke, durch meinen Vater, meinen Großvater und Urgroßvater. Das Wissen über die Minen kommt vor allem von Freunden, die dort gearbeitet haben. Ich glaube, die Minen waren richtig starke Gemeinschaften. Sie lagen außerhalb der Stadtzentren, in kleinen Dörfern, sogenannten Minen-Dörfern. Sie entstanden aus einem bestimmten Grund. Der Grund war die Mine. Vielleicht war es vorher ein Bauernweiler. Dann wurde Kohle entdeckt. Ein Dorf wurde gebaut, speziell für die Mine. Also kann man sich vorstellen, dass mit dem Verschwinden der Mine auch das Dorf seinen Existenzgrund verliert. Und so ist es auch, diese Dörfer zerfallen an vielen Orten einfach. Das Gemeinschaftsgefühl ist verschwunden.

Die ganze Feierabendszene ist verschwunden: Früher kamen die Leute von der Arbeit und die Stadt war voll. Ich bin früher durch Templeborough gefahren, und die Straße war einfach vollgestopft mit Menschen. Leute, die Werksarbeiter kamen die Straße von, was heute Magne ist, herunter nach Templeborough. Alles war voll mit Menschen, sie nahmen Busse, die bis zum Anschlag voll waren, fuhren in die Stadt, tranken vielleicht ein Bier oder so, bevor sie nach Hause gingen. Es war einfach ein sehr geschäftiger, lebendiger Ort, was es heute definitiv nicht mehr ist. Alles passierte irgendwie gleichzeitig: Einkaufszentren außerhalb der Stadt, Leute, die mit dem Auto Pizza abholen gingen und am Freitagabend zu Good Fellas fuhren. Und das scheint der Innenstadt einfach alles Leben genommen zu haben. Erst verlor man die Industrie, dann den Einzelhandel, dann die Unterhaltungsindustrie.

Es ist das Verschwinden des ganzen gesellschaftlichen Lebens. Früher war es eine lebendige Stadt, in der die Leute gutes Geld verdienten. Wenn man im Stahlwerk oder in der Mine arbeitete, bekam man einen sehr anständigen Lohn, den man in den Geschäften vor Ort ausgab. Und es waren gute Geschäfte. Dann gab es natürliche noch die Pubs und alles drumherum. An jeder Ecke war ein Pub. Wir haben früher große Kneipentouren gemacht, wo es heute nur noch einen Pub gibt. Das Zentrum, die Innenstadt, wenn man da heute abends durchfährt oder geht, gibt es nichts mehr. Kein Grund mehr, überhaupt noch in die Stadt zu gehen. Der Verlust der großen Ladenketten war dann der endgültige Todesstoß.

Die Investitionen und die Art der Stadterneuerung haben sich scheinbar immer für eine bestimmte Zeit auf einen speziellen Bereich konzentriert. Dann zog man weiter zum nächsten. Man konnte kostenlose Miete, gute Subventionen bekommen. Wo man wollte. Für 18 Monate. Und dann ging alles weiter zu einem anderen Stadtteil. Und all die guten Geschäfte, die geöffnet haben, sind wieder verschwunden. Die Gegend wurde zwar gerade erst erneuert, aber schon ist sie irgendwie wieder Mist.

Auch politisch hat sich viel verändert. In den Minen, während des Bergarbeiterstreiks und in den Stahlwerken waren alle sehr links. Sehr gewerkschaftlich orientiert und irgendwie sehr sozialistisch geprägt. Wenn man heute mit Leuten redet, sind sie fast alle nach rechts gerückt. Sie sagen alle was für ein Chaos die Labour-Regierung anrichtet und dass wir einen unfähigen Stadtrat haben. Ihre politischen Ansichten haben sich alle fast ins komplette Gegenteil von dem verwandelt, was sie mit 18 oder 19 waren.“