Eisenhüttenstadt Geschichten
„Das pulsierende Leben, das es in dieser Stadt gegeben hat, gibt es einfach nicht mehr“
Friedrich Schwarz hat sich mit Peter Eggebrecht, der mehrere Jahre als Anwalt in Eisenhüttenstadt lebte, über die Entstehung der Planstadt und ihre Bedeutung zu DDR-Zeiten unterhalten – und ist dabei auf viel Pessimismus gestoßen, was die Entwicklung der Stadt nach Wende angeht.
Friedrich Schwarz studiert Kommunikationswissenschaft an der Universität Greifswald. Der Podcast wurde im Jahr 2026 produziert.
Friedrich Schwarz: Eisenhüttenstadt ist eine Stadt, die man nicht einfach nebenbei versteht. Sie ist geplant worden – als Industriestadt, als Wohnort für Zehntausende, als Versprechen: Arbeit, Sicherheit und Gemeinschaft. Heute leben hier ungefähr rund 24.000 Menschen, weniger als halb so viele wie früher. Und trotzdem: Eisenhüttenstadt steht nicht still. Die Stadt versucht, neue Leute zu gewinnen, zum Beispiel mit dem Projekt „Probewohnen“, das so viele Bewerbungen bekommen hat, dass sogar über eine zweite Runde 2026 nachgedacht wird. Gleichzeitig ist der alte Kern noch da: das Stahlwerk. Es existiert weiterhin – modernisiert, global eingebunden, aber viel kleiner als früher. In diesem Podcast will ich wissen: Wie fühlt sich Strukturwandel an, wenn man ihn nicht aus einer Statistik kennt, sondern aus dem eigenen Leben? Wie verändert sich eine Stadt im Alltag, im Stadtbild und in der Stimmung? Und warum wirkt Eisenhüttenstadt für manche heute trister, obwohl man mit Veranstaltungen, Projekten und Engagement dagegenhält? Mein Name ist Friedrich Schwarz und ich spreche jetzt mit dem Herrn Eggebrecht. Er hat viele Jahre in Eisenhüttenstadt verbracht und gelebt und auch gearbeitet. Und er sagt ganz offen: Es ist nicht besser geworden, nicht für die Stadt.
Herr Eggebrecht, erst mal einen herzlichen lieben Dank, dass Sie sich die Zeit nehmen und sich hier mit mir über dieses Thema unterhalten wollen. Wenn man über Städte spricht, die eine besondere Entstehungsgeschichte haben, kommt man relativ schnell auf Eisenhüttenstadt. Was macht diese Stadt aus Ihrer Sicht so besonders?
Peter Eggebrecht: Wenn ich das richtig verstehe, beschäftigen Sie sich mit Planstädten. Da kommt natürlich Eisenhüttenstadt ins Spiel und da vielleicht etwas kurz zur Geschichte. Man brauchte Stahl, sowohl als Reparationsleistung als auch zur Gründung der DDR und zur Produktion in der DDR. Und wenn ich mich richtig erinnere hat man 1950 den Plan gefasst, auf die grüne Wiese – Wald und Wiese war dort, sonst nichts, und ein Gewässer für das Kühlwasser – das Stahlwerk zu errichten. Und in diesem Zusammenhang ist mit dem Stahlwerk selbst auch die Stadt gewachsen: Eisenhüttenstadt, die damals Stalinstadt hieß. Und ja, man kann sagen, dass im Verlaufe der Jahrzehnte wie dieses Werk gewachsen ist auch die Stadt gewachsen ist und alles, was man zu einer soliden Struktur einer Stadt dieser Größe braucht, vorhanden – oder nicht vorhanden – sondern geschaffen worden ist, muss man ja sagen, und dann vorhanden war. Angefangen von den Arbeitsplätzen mit attraktiven Löhnen. Das zählte ja zum Bergbaubereich mit den entsprechenden Sozialeinrichtungen in den Betrieben. Ja, alles was das Herz begehrte, wenn man irgendwo aus der Uckermark kam und nicht wusste, wo man blieb. Man kam dort hin und konnte seinen Beruf erlernen und dort alt werden. So ist diese Stadt eigentlich entstanden. Tja, und nach der Wende kam natürlich dann schnell auch der Eigenentschluss vieler Leute, die Stadt zu verlassen, weil denen klar war, was dort kommen wird. Nämlich, dass es abwärts gehen wird. Und dieser Abwärtstrend hat ja bis heute, denke ich, vorgehalten. Und währenddessen damals das Leben pulsierte, mit Nahverkehr und allem, was zu einer ordentlichen Stadt gehört – auch Kindergärten, Schulen und Theater, Kinos, alles – heute hat man größte Schwierigkeit, das überhaupt noch am Leben zu erhalten bzw. hat’s teilweise auch schon abgeschafft. In welchem Umfang, kann ich Ihnen nicht sagen.
Friedrich Schwarz: Welche Gründe gab es damals für Menschen, nach Eisenhüttenstadt zu kommen und überhaupt dort zu leben? Was hat die Leute da getrieben?
Peter Eggebrecht: Was in die Stadt trieb war nicht nur ein attraktiver Arbeitsplatz, gute Gehälter, teilweise haben sie dort erst ihre Ausbildung begonnen und auch abschließen können, sondern letztendlich mit dem Werk selbst entwickelte sich die Stadt und man konnte in dieser Stadt alles – und wirklich alles – finden, was man zu einem guten Leben in der Provinz brauchte. Gute Wohnungen, entsprechende Sozialleistungen, Geschäfte. Auch wurde Eisenhüttenstadt in der Versorgung bevorzugt behandelt gegenüber, sage ich mal, Wald und Wiese oder irgendwelchen Dörfern. Und das nahm im Grunde genommen erst sein Ende mit der politischen Wende. Dort ist die Sonderstellung, die dieses Werk und diese Stadt hatte eigentlich beseitigt worden.
Friedrich Schwarz: Gehen Sie ruhig auf dieses Thema noch mal ein bisschen näher ein. Können Sie das vielleicht noch ein bisschen ausführlicher malen? Sprechen Sie gerne frei heraus.
Peter Eggebrecht: Vielleicht noch kurz etwas zur Historie. Die Alliierten hatten die Aufteilung Deutschlands beschlossen und beschlossen, dass jeder der jeweiligen Besatzungsmacht aus seinem Besatzungsgebiet Reparationsleistungen zieht. Die Reparationsleistung, die die Sowjetunion wollte und brauchte und auch die Stahlproduktion, die wir selbst für uns brauchten, gab es nicht und deswegen hat man eben beschlossen tatsächlich auf der grünen Wiese dieses Werk zu errichten und auch die Stadt zu gründen und alles, was dazu gehört, eben heranzuholen und selbst zu errichten. Das muss man einfach… das ist der Hintergrund des Entstehens dieser Stadt auf der grünen Wiese. Sonst wäre man gar nicht auf die Idee gekommen, da was hinzubauen.
Friedrich Schwarz: Wenn Sie an die Zeit rund um die Wende oder auch kurz davor zurückdenken – wie hat sich das Leben in Eisenhüttenstadt damals verändert? Was ist da passiert?
Peter Eggebrecht: Nach der politischen Wende war klar, dass Eisenhüttenstadt in der Form – das Werk insbesondere – kaum Bestand haben wird. Im Westen gab es freie Produktionskapazitäten. Zudem griff im Laufe der Zeit die EU regulierend ein und legte Stahlquoten fest, die unter dem lagen, was man dort konnte und das hatte natürlich zur Auswirkung, dass es zu einem großen Abwandern kam. Und wer dort in der Stadt geblieben ist, der hat entweder in der Sekundärbeschäftigung etwas gefunden. Es gab zwar und gibt auch heute noch Stahlindustrie, aber beileibe nicht mehr in diesem Umfang, sodass die Leute schon begonnen, auf eigenen Entschluss wegzugehen, um in den Westen zu gehen, Westlöhne zu erzielen oder ganz andere Lebens- und Erwerbsbereiche sich zu erschließen. So fing das eigentlich an nach der Wende.
Friedrich Schwarz: Wenn Sie heute durch die Stadt gehen – was fällt Ihnen da auf? Was sind Ihre Gefühle? Oder welche Gedanken dazu, Herr Eggebrecht? Erzählen Sie bitte ein bisschen dazu.
Peter Eggebrecht: Wenn man mich heute fragt, was auffällig ist, wenn man durch Eisenhüttenstadt geht, dann in der Tat, befällt einen ein beklemmendes Gefühl. Das pulsierende Leben, das es in dieser Stadt gegeben hat, wenn man die Fotos, die Filme aus der Zeit kennt, das gibt es einfach nicht mehr. Die vielen Geschäfte, die es gegeben hat, sind eingegangen. Man hat zwar in der Stadt noch ein Einkaufszentrum, aber die kleinen Geschäfte, die Tante-Emma-Läden – alles nicht mehr da. Das ist weg. Es macht beklommen, es macht auch traurig. Und wird erst recht die treffen, die einst für die Größe dieser Stadt sorgten. Denn die Stadt war eine ökonomische Größe in der DDR. Und nicht nur in der DDR, sondern es ist auch Stahl exportiert worden. Auch übrigens in den Westen.
Friedrich Schwarz: Und fallen Ihnen bestimmte Orte, Plätze explizit auf, welche da vielleicht ein bisschen leerer geworden sind? Welche sich verändert haben?
Peter Eggebrecht: Also auf jeden Fall gibt es viele Plätze, die früher mit Sicherheit voller waren. Ich denke da an Spielplätze. Ich denke da an Plätze, wo die alten Herrschaften, die dann dort lebten, spazieren gegangen sind. Es gab viele Kinder, weil viele junge Familien dort waren und die dort natürlich spazieren gegangen sind. Das alles gibt es nicht mehr. Tristesse hat Einzug gehalten, das muss man wirklich sagen.
Friedrich Schwarz: Und wenn Sie jetzt den Abgang der Bevölkerung miterlebt haben oder gesehen haben, wie beschreiben Sie den? Wie war da der Verlauf der Dinge? Was ist dort passiert in Eisenhüttenstadt?
Peter Eggebrecht: Natürlich war den Leuten klar, dass mit der politischen Wende auch eine ökonomische Veränderung einhergeht und dass die Arbeitsplätze dort abnehmen. Aber es hat systematisch und schleichend abgenommen. Das hat auch damit zu tun, dass die damals SPD-geführte Landesregierung damals sehr viel Geld reingesteckt hat, um das Stahlwerk noch irgendwie am Leben zu erhalten. Bis dann allerdings das nicht mehr in diesem Umfang möglich war und dann auch die EU deregulierend eingriff, indem sie sagte, wo noch wie viel Stahl produziert werden darf. Und hat es natürlich zuallererst die ostdeutsche Stahlindustrie getroffen. Und die Leute wanderten ab und damit natürlich auch die Lebensqualität, das ist ganz klar. Wenn also Geschäfte keine Kunden mehr haben, dann…hm.
Friedrich Schwarz: Aber bitte erzählen Sie doch noch, was denn in der glorreichen Zeit damals passiert ist? Also was die schönen Erinnerungen sind? Was Sie da noch mitzugeben haben?
Peter Eggebrecht: Man muss sich ungefähr vorstellen, alles was in der DDR-Künstlerschaft Rang und Namen hatte, kam dort hin und darüber hinaus auch, was sich die DDR mit Devisen leisten konnte, wurde ins Land geholt und wurde dort, den Menschen in dieser Stadt und den Werktätigen, dargebracht. Ich denke an David und Igor Oistrach, die großen Geiger, die dort waren. Die großen Orchester dieses Landes sind dort gewesen und auch die Chöre. Das ist alles nicht mehr. Das Stadttheater hat jetzt vier Bühnen. Man hat dort sogar eine Freilichtbühne, was viele Theater gar nicht hatten. Aber es ist eben schwer, dort Veranstaltungen hinzubringen, einfach weil es am Publikum fehlt. Da ist echt etwas abgebrochen, auch an Lebensqualität. Auch das hat dazu beigetragen, dass die Leute sich neu orientiert haben und weggezogen sind.
Friedrich Schwarz: Was halten Sie von den Ideen, die jetzt hervorkommen oder auch schon durchgeführt wurden, dort neue Bürger hinzusiedeln oder es attraktiver zu machen, in diese Gebiete zu ziehen?
Peter Eggebrecht: Wenn Sie mich nach den Versuchen fragen, die es da gibt, der Stadt wieder Leben einzuhauchen, bin ich da nur eingeschränkt aussagekräftig. Es gibt es wieder. Man versucht beispielsweise im ehemaligen Gebiet, auf dem Gelände des EKO, Kleinbetriebe anzusiedeln. Aber auch da sind einige schon nicht mehr. Und ansonsten ist es öfter sekundär – Kulturveranstaltungen, Stadtfest, weiß der Teufel. Aber damit ist die ökonomische Struktur einer Kommune nicht zu retten. Das ist meine Einschätzung.
Friedrich Schwarz: Und was halten Sie von der Idee eines Sponsorings?
Peter Eggebrecht: Inwiefern Sponsoring in der Lage ist, die Gegend wieder zu beleben, da hege ich Zweifel. Sponsoring hängt letztlich von funktionierenden Strukturen der Wirtschaft ab. Das Geld muss irgendwo erarbeitet werden und nicht nur Plus-Minus Null. Da muss auch ein Gewinn rauskommen, sonst kann man so ein Sponsoring nicht decken. Und so wie die Wirtschaft dort niedergegangen ist, ich kann dazu nicht viel sagen. Aber es werden nicht allzu viel Leute Geld für Sponsoring übrighaben. Nicht mehr in dem Umfang wie vorher.
Friedrich Schwarz: Wie sehen Sie die Chancen von dem Projekt „Probewohnen“?
Peter Eggebrecht: Ob es gelingen wird, über das Projekt „Probewohnen“ Leute anzuziehen, das weiß ich nicht. Ich hege da Zweifel. Es ist nicht nur wichtig, dass die Leute ein Dach über dem Kopf haben, sondern auch, wo sie das Dach haben und dass auch Lebensqualität da ist. Ich will Eisenhüttenstadt nicht schlechter machen, als es ist. Aber ich sehe sie nicht. Ich würde dort nicht hinziehen.
Friedrich Schwarz: Kann denn noch etwas entstehen aus dieser Stadt? Gibt es da noch Hoffnung?
Peter Eggebrecht: Wenn ich danach gefragt werde, welche Vorstellungen ich habe, ob Eisenhüttenstadt überhaupt wieder wachsen kann, dann gewiss nicht zu alter Größe. Die Zeiten sind vorbei. Was sich dort aber entwickeln kann, das weiß ich offen gestanden nicht. Mir fehlt es da auch an der Fantasie.
Friedrich Schwarz: Also in Sachen Optimismus sieht es bei Ihnen schwieriger aus, höre ich da leider raus.
Peter Eggebrecht: Zur Frage, was passieren müsste, meine ich, dass die Sache etwas mehr Alltag, mehr kleine Läden, mehr junge Menschen und so weiter, das wird auch nicht helfen. Wenn wir denen nicht sagen können, wovon die dort leben können, wovon sie ihre Existenz gründen können und die Stadt für Wert halten, sich selbst und ihre Familie dort wieder Wurzeln schlagen zu lassen. Ich bin da illusionslos optimistisch. So muss ich das wohl sagen.
Friedrich Schwarz: Herr Eggebrecht, vielen Dank für das Gespräch und die Einblicke in die Geschichte und Entwicklung von Eisenhüttenstadt. Es war sehr spannend zu hören, wie sich die Stadt von einer Planstadt der DDR bis heute verändert hat. Vielen Dank, dass sie ihre Erfahrungen mit uns geteilt haben. Alles Gute Ihnen, bitte noch: Ihre letzten Worte.
Peter Eggebrecht: Zum Schluss möchte ich sagen, ich finde es lobenswert, dass Sie sich dieses Themas überhaupt annehmen. Denn die Menschen in dieser Gegend fühlen sich in mancherlei Beziehung auch von der Entwicklung allein gelassen. Aber ich persönlich habe dort viele gute und kluge Menschen kennengelernt. Was die Menschen betrifft, würde sich es lohnen. Aber es ist schon ein Anfang, wenn man diese Gegend nicht vergisst und sich mit ihr beschäftigt. Das ist, denke ich, dankenswert.
Friedrich Schwarz: Das war mein Gespräch mit Herrn Eggebrecht über die Entstehung und Entwicklung von Eisenhüttenstadt. Mich persönlich hat dieses Gespräch sehr interessiert, weil man durch solche Perspektiven viel besser versteht, wie eine Stadt entstanden ist und wie stark sich ihr Leben über die Jahrzehnte verändert hat. Eisenhüttenstadt ist ein Beispiel dafür, wie Planstädte in der DDR bewusst aufgebaut wurden, mit einer klaren wirtschaftlichen Funktion – in diesem Fall rund um das Stahlwerk. Gleichzeitig zeigt die Geschichte der Stadt auch, wie sehr politische und wirtschaftliche Umbrüche das Leben der Menschen und das Bild einer ganzen Stadt verändern können. Gerade durch persönliche Erinnerungen wird deutlich, dass hinter Begriffen, wie Strukturwandel oder Planstadt, immer auch echte Lebensgeschichten stehen. Vielleicht hilft uns ein Blick auf diese Geschichte auch dabei, die heutigen Herausforderungen solcher Städte besser zu verstehen und gleichzeitig zu sehen, dass es weiterhin Perspektiven und Hoffnungen für die Zukunft dieser Region geben kann. Mein Name ist Friedrich Schwarz und ich bedanke mich recht herzlich für Ihre Aufmerksamkeit und dass Sie diesem Thema Ihr Ohr geliehen haben.