Mary (77) ist in der Nähe von Bergwerken und Stahlwerken aufgewachsen. Später, als die Minen und Stahlwerke zu schließen begannen, engagierte sie sich für ihre Gemeinschaft – sie unterstützte Kinder und half bei den nötigen Umschulungsmaßnahmen.

Kivetone Park, Storth Lane: Bergarbeiterfamilien beim Picknick am Woodhall Pond

„Mein Name ist Mary. Ich bin Katrinas Mutter. Ich wurde 1947 geboren. Einer ihrer Geschwister war direkt im Bergbau tätig – als Bergarbeiter. Ich habe in Beighton gelebt, wo es neben der Mine auch Koksöfen gab. Diese haben einen Geruch verursacht, der beim Verbrennen von Kohle entsteht.

Während des Bergarbeiterstreiks (Miners Strike) habe ich in Sheffield gearbeitet. Ich habe Frauen unterstützt, die nach neuen Arbeitsmöglichkeiten und sowas gesucht haben. Während des Streiks war ich an etwas beteiligt, das sich Open Door nannte. Ich habe die Kinder der Frauen betreut, deren Männer gestreikt haben. So war ich also direkt beteiligt. Es war ein großer Umbruch. Auch meine Familie war betroffen. Wir hatten ein kleines Transportunternehmen, das Ziegeln und Stein aus wiederverwertetem Ziegelmaterial transportierte. Der Streik hat hier oben große Wellen geschlagen wegen der Bauindustrie. Als die Bauindustrie zum Stillstand kam, brach unsere Arbeit fast vollständig weg. Also mussten wir uns anderweitig nach Arbeit umsehen. Es war eine katastrophale Zeit, die sich über zwei Jahrzehnte auswirkte.

Stahlwerke waren genauso bedeutend wie die Minen. Die Region traf es also gleich zweifach – sowohl die Bergarbeiter als auch die Arbeiter allgemein. Hier wurde ausschließlich Spezialstahl hergestellt, und die großen Werke kämpften schon lange mit Schwierigkeiten. Sie beschäftigten unzählige Menschen. Ihre Schließung hatte eine ähnliche Wucht wie die Schließung der Minen – denn die andere Hälfte der Arbeitsplätze lag eben in den Stahlwerken. Ich habe zuerst bei Samuel Osborne unten in Half Way gearbeitet, gleich über der Grenze nach Nottinghamshire. Dort gab es zwei unterschiedliche Stahlwerke. Die sind inzwischen alle übernommen worden. Das ursprüngliche Stahlwerk, das auf Spezialstahl spezialisiert war, ist von dem Standort verschwunden, an dem ich gearbeitet habe. Man hat es abgerissen und dort andere Gewerbe angesiedelt. Dadurch sind dort zwar viele kleine Betriebe entstanden. Aber sie sind alle sehr spezialisiert und haben den Menschen, die nur Bergbau oder Stahl kannten, nicht mit Arbeitsplätzen geholfen.

Ich bin dann aus dieser Branche ausgestiegen und habe mich dann für die Verbesserung von Bildungschancen für Kinder hier und in Nottinghamshire engagiert. Danach – auch wenn es vielleicht nicht so bedeutend klingt, wie es sich für mich anfühlt – waren wir an einem der ersten Versuche beteiligt, Work-Life-Balance umzusetzen. Wir haben die Grundlagen dafür gelegt und Richtlinien und Praktiken entwickelt, die heute fast schon zur Norm geworden sind.

Es war schwierig, anderswo Arbeit zu finden oder eine Umschulung zu machen. Aber es gab viele Umschulungsangebote: das war eine richtige Wachstumsbranche. Und ich glaube, das hat vielen Menschen auch eine neue Identität gegeben. All unsere Freunde sind entweder Klempner geworden oder haben dieselbe Tätigkeit woanders ausgeübt. Das hat die Gemeinschaft zerrissen. Aber dann haben sich diese Leute in kleinen Gruppen neu zusammengefunden. Aber sie haben das als einzelne, etwa als Klempner oder Elektriker und so weiter getan. Ich denke immer noch, dass es hier ein starkes Gemeinschaftsgefühl gibt, das mit dem Bergbau verbunden ist, aber in manchen Gegenden ist es verloren gegangen. Die Auswirkungen auf den Zusammenhalt und das Gemeinschaftsgefühl waren verheerend – genauso, wie die Auswirkungen des Streiks. Die Familien wurden von der Gemeinschaft durch Gewerkschaftsgelder und ähnliches unterstützt. Aber da war auch ein alleinstehender Mann. Er und etwa fünf oder sechs weitere Personen, die kein Geld zum Leben hatten. Der Streik hielt monatelang an, sodass sie wieder an die Arbeit zurückkehrten. Er war einer der Ersten. Sie wurden alle ausgegrenzt. Und sechs Monate nach dem Scheitern des Streiks, verlor er seinen Job wegen einem klitzekleinen Zwischenfall, das war‘s. Man schmiss ihn raus. Man konnte ihn zunächst nicht entlassen, erst als man eine gute Ausrede gefunden hatte. Und so verlor er seine Arbeit. Er hat seitdem nie wieder gearbeitet.

Der soziale Zusammenhalt spielt immer noch eine Rolle. In Dinnington ist es sehr ähnlich wie hier, aber dort habe ich nur ein Jahr gelebt. Ich habe auch längere Zeit in Killamarsh gelebt, gleich die Straße runter, aber dort ist es ganz anders. Dort haben zwei Minen geschlossen. Und man ist, wie soll ich sagen, sehr auf sich gestellt. Ich war zwar ein Teil dieser Gemeinschaft, aber nicht wirklich. Und ich denke wieder an die Minen, denn die Minen in Killamarsh lagen außerhalb des Dorfes in High Moor. Dort gab es nur ein paar einzelne Häuser. Der andere Schacht war oben in Westthorpe, das ebenfalls am Dorfrand liegt. Nicht wie hier, wo der Schacht mitten in Kiveton lag. Deshalb denke ich, dass die Menschen dort heute nicht mehr so viel mit den Minen verbindet. Es gibt dort mehr Neubauten, und die Menschen leben ein eher isoliertes Leben und pendeln hin und her. Und es liegt auch am Rand von Nordost-Derbyshire, wo alle eher Richtung Chesterfield, Derby und noch weiter runter gehen. Kiveton, denke ich, ist anders. In Dinnington war ich nur ein Jahr. Ich habe zwar angefangen, mich dort einzubringen, aber es war sehr stark eine Bergbau-Gemeinschaft, und ich gehörte nicht wirklich dazu. Ich bin nach einem Jahr weggezogen, weil ich nicht Teil der Leute in Dinnington war, und ich brauche ein soziales Umfeld. In Dinnington ist der Bergbau-Einfluss sehr stark und viele Leute leben schon seit hundert Jahren dort, also ihre Familien und all das. Nach Kiveton zu kommen war anders. Ich bin bewusst der Geschichtsgruppe beigetreten, weil ich mich für Geschichte interessiere und zum Glück war auch Katrina hier in Kiveton. Ich bin verschiedenen Gruppen beigetreten, die alle im Gemeindezentrum nebenan sind. Ich denke, hier gibt es ein stärkeres Gemeinschaftsgefühl und man wird einfach akzeptiert, weil einen ein anderes Interesse verbindet. Man wird in alles eingebunden, was hier passiert.

Das Dorf hat sich sehr verändert. Die Kneipen, die Bergarbeiterclubs und ähnliche Einrichtungen konnten nur schwer offengehalten werden. Friseure und Kosmetikläden sind geblieben, und wir haben noch den Co-op. Es gibt keinen großen Supermarkt hier oder in der Nähe, außer man hat ein Auto. Dafür haben wir eine funktionierende Bahnlinie, die von Sheffield nach Kiveton Park verläuft. Das hat viele neue Leute angezogen, die sich sonst vielleicht nicht für Kiveton Park entschieden hätten. Das hebt Kiveton von den umliegenden Dörfern ab, weil man mit dem Zug von hier direkt nach Retford kommt. Oder direkt runter nach London. Wir haben also unseren eigenen kleinen Pendlerstandort. Man kommt auch gut nach Sheffield. Oder in die Innenstadt (von Rotherham). Und nach Leeds. Es werden hier gerade 450 neue Häuser gebaut. Und die Häuser, die sie bauen sind teuer. Wenn man den Hauspreis für Kiveton bedenkt. Wir reden hier über 100.000 mehr als das, was man ohnehin schon bezahlen muss und das hier ist keine Gegend mit hohen Einkommen, wenn ihr wisst, was ich meine. Abgesehen von den Pendlern, die mit dem Zug hierherkommen. Das belastet die Arztpraxis und das Gymnasium zusätzlich.“