Für Martina (77) nahm die Arbeit schon seit dem Kindesalter eine große Rolle ein. Heute vermisst sie den sozialen Zusammenhalt und fordert mehr Solidarität in der Gesellschaft ein.

Boxberg, Braunkohlekraftwerk, Februar 1972

„Ich bin 1948 in Kreba in der Oberlausitz geboren. Wir waren vier Kinder, drei Mädchen und ein Junge. Wir mussten als Kinder sehr viel arbeiten in der Landwirtschaft. Meine Mutti hat sogar ab und zu unsere Schularbeiten machen müssen, weil mein Opa uns gezwungen hat, bis um zehn Rüben zu schneiden. Deswegen schreibt meine Mutti genauso, wie wir geschrieben haben. So eine Kinderschrift.

Nach der Schule wollte ich da unbedingt raus und habe mich in Hoyerswerda beim Bahnbetrieb beworben. Mein Vater hat dort als Lokheizer gearbeitet. Und da habe ich Schlosser gelernt. Es war eine schwere Arbeit, Waggons reparieren und so weiter. Ich hatte dann einen Unfall und musste dort aufhören. Ich habe mich dann in Cottbus bei der Armee beworben. Ich wollte Krankenschwester werden. Das war eigentlich schon mein Traumberuf. Und dann habe ich dort gearbeitet, im Lazarett, zwei Jahre. Dort habe ich auch meinen ersten Mann kennengelernt. Wir sind dann nach Weißwasser gezogen. Mein Mann hat im Kraftwerk Boxberg gearbeitet und ich bin in die Glaswerke gegangen. Mein Mann hat in Boxberg Schichten gearbeitet, ich hab im Glaswerk Schichten gearbeitet. Wir kommunizierten nur noch per Brief. Hole mal das, tu mal das. So war das früher. Das war eigentlich alles so selbstverständlich gewesen. Ich hatte einen Schichtkindergarten. Wenn wir die Töchter nicht holen konnten, konnten sie auch schlafen im Kindergarten. Man zankt sich dann nicht so viel, weil du gar keine Gelegenheit hast zu zanken.

Nebenbei habe ich als Schwimmtrainerin gearbeitet. Das habe ich mir selbst angeeignet. In der Schule kam mal so ein Trainer, der war auch bei der Armee, hat dort die Taucher und so weiter ausgebildet. Der hat in der Schule gefragt, welche Kinder gerne zum Schwimmen kommen würden. Und da waren meine zwei Mädels auch dabei und noch andere Kinder. Dann hat er gesagt: Ja, okay, jetzt habe ich 20 Kinder, jetzt bin ich aber alleine als Trainer. Und da habe ich mich gemeldet und gesagt, ich würde gerne Trainer machen. Und das habe ich dann.

Mein erster Mann ist nur 39 geworden, an Krebs gestorben. Ich hatte dann einen Schonplatz im Glaswerk. Ich war öfter krank. Nach der Wende wurde mir dann gesagt: Jetzt ist Schluss hier. Die ersten mussten gehen – auch die, die öfter krank gewesen sind. Dann habe ich mir eine Arbeit gesucht im Blumenladen. 1992 habe ich meinen zweiten Mann kennengelernt, der arbeitete auch in der Einheit (Glaswerk). Vor 17 Jahren habe ich angefangen, jeden Sonnabend in Kreba in der Chipsbude zu arbeiten. Früher war es eine Chipsbude, jetzt ist es eine Nussbude. Ich habe mir früher gesagt, ich gehe nie putzen. Und jetzt putze ich in Kreba die Maschinen schon seit 17 Jahren. Es kann jeder arbeiten, ist meine Meinung, wenn er will. Aber man muss natürlich auch das nehmen, was einem nicht gefällt. Und es ist nicht mehr so, wie es mal war. Wollen wir mal ganz ehrlich sein. Die Leute sind nicht mehr so wie früher. Wir waren eine Truppe, wir haben viel zusammen gemacht. Jetzt ist jeder für sich. Und was mich auch sehr stört: dass so gegen die Ausländer geredet wird. Die vielen, die von den Kriegsländern hierhergekommen sind. Ich möchte sowas nicht erleben. Es reicht ja schon, wenn wir es sehen. Ich weiß ja von meinen Großeltern, was im Krieg los war. Ich würde das letzte Hemd geben. Ich würde auch welche aufnehmen. Da gebe ich ihm das Zimmer ab oder den Bungalow, dass er erstmal über den Berg kommt. Ob die schwarz oder grün oder blau sind, das ist mir egal, das sind alles Menschen. Und das ist das, was unsere hier nicht einsehen. Die denken nur an sich, finde ich. Du wirst es aber in meinem Alter auch nicht mehr ändern. Wenn es die Jugend nicht macht, wer soll es denn dann machen?

Die Wende ist mir eigentlich egal gewesen. Weil ich ja nie die Absicht hatte, rüberzugehen. Dann dachte man: Oh, der goldene Westen! Als die Grenze offen war, haben wir die Eheringe drüben gekauft. Und wo ich das Ganze dort gesehen habe, habe ich dagestanden und geheult, weil ich nicht wusste, was überhaupt echt ist. Das war mir alles zu viel. Das war doch alles wie gemalt. Viele auf Arbeit haben gesagt: Wir gehen rüber. Ich habe gesagt: Bildet ihr euch ein, dass euch die gebratenen Tauben in den Mund reinfliegen? Das wird auch bloß der Anfang sein. Arbeiten musst du überall. Du kriegst nirgends was geschenkt. Dieses ‚Hurra‘, wie die anderen dort ja halb abgedreht sind, das konnte ich nie begreifen. Gut war, dass die Grenze weg war, weil ja viele an der Grenze gestorben sind. Traurig ist, dass die uns – auf Deutsch gesagt – kaputt gespart haben. Die Treuhand hat sich wirklich das gerafft, was sie gerne wollte. Die holen sich das schon. Kannst du dich auf den Kopf stellen. Die machen dich dann so fertig, bis du die Schnauze voll hast und sagst: Okay, ja, nimm du es doch. Also die Arbeiter haben unter der Wende gelitten, das ist klar. Die Großen haben sich immer wieder rausgeredet. Es hat sich jeder genommen, was er konnte. Früher haben sie gesagt: Im Westen schlafen Menschen unter der Brücke. Hätte ich mir nie denken können, dass das hier mal so passiert. Ist das nicht traurig? Wo sind wir denn gelandet? Das verstehe ich nicht. Bin ich zu blöd dazu?“