Trotz des Verlusts ihres Arbeitsplatzes nach der Wende machte Christine (75) immer weiter. Im Rückblick auf ein Leben voller Veränderungen spricht sie über Zusammenhalt, Enttäuschungen und darüber, warum sie weiterhin an eine bessere Zukunft für Weißwasser glaubt.

Kraftwerk Boxberg, Labor, im März 1976

„Ich bin 1951 im Kreis Bautzen geboren worden. Nach dem zehnjährigen Besuch der allgemeinbildenden Polytechnischen Oberschule habe ich mich zur Chemielaborantin ausbilden lassen, parallel dazu habe ich das Abitur erworben. Anschließend bin ich zum Studium nach Berlin gegangen und habe dort drei Jahre Labortechnik studiert. Danach habe ich mich im Kraftwerk Boxberg um einen entsprechenden Arbeitsplatz beworben. Meine Bewerbung war erfolgreich und ich wurde als Schichtleiter in der chemischen Wasseraufbereitung eingesetzt.

Nach der Geburt unseres ersten Sohnes ging das dann langsam zu Ende mit der Schichtarbeit. Es gab zu der Zeit noch Wochenkrippen und Wochenkindergärten. Aber 1978 wurde dann praktisch gesagt: Die Kinder sollen einen Tag am Wochenende zu Hause sein. Und so konnte ich meine Tätigkeit dann nicht mehr weiter ausführen. Denn als Schichtleiter in andere Schichten springen, das ging schlecht.

Während der Tätigkeit als Schichtleiter habe ich mir ein gutes Wissen über die technologischen Zusammenhänge angeeignet. Somit bin ich dann zur Instandhaltung gewechselt und war damit beschäftigt, die Wochenendreparaturen an den 210- bzw. 500-MW-Anlagen technologisch vorzubereiten. Dafür habe ich mehrere Anerkennungen und Auszeichnungen erhalten.

1998 wurde ich arbeitslos. Im Kraftwerk brauchte man immer weniger Arbeitskräfte. Und ich hatte damals den Nachteil: Ich war eine Frau in einer Reparaturabteilung. Und die ‚neuen Chefs‘ aus den alten Bundesländern waren der Meinung, Frauen haben in der Reparatur überhaupt nichts zu suchen. Und deswegen durfte ich dann, nachdem diverse ‚Fleißarbeiten‘ erledigt waren, gehen.

Ich habe dann eine Umschulung gemacht, habe mich zur Kauffrau der Grundstücks- und Wohnungswirtschaft mit IHK-Abschluss ausbilden lassen und mit guten Ergebnissen abgeschlossen. Das hat mir alles nichts genutzt, weil ich inzwischen zu alt war. Mit 50 wurde man als ‚zu alt‘ abgetan. Ich habe mich um andere Ausbildungsmöglichkeiten bemüht und habe alles vorbildlich abgeschlossen. Nur geholfen hat es nichts.

Heute vermisse ich die Nachbarschaftlichkeit. Zu DDR-Zeiten, da hat jeder jedem geholfen. Das war überhaupt kein Thema. Das ist heute aber nicht mehr so. Mit dem Tag der Wende war das schlagartig weg. Und das ist traurig. Das ist wirklich traurig.

Wir waren glücklich. Und dann kam die Wende. Die Treuhand hat vor allem die Betriebe kaputt gemacht, die als Konkurrenz hätten auftreten können. Das war bei uns in Weißwasser in erster Linie die Glasindustrie. Wir hatten eine wunderbare Glasindustrie. Nur, die wäre eine Konkurrenz für Betriebe in den ‚alten‘ Bundesländern geworden. Und deswegen sind eben diese Betriebe kaputt gemacht worden. Es gibt viele Leute, die lassen sich einfach nur tragen. Die sind aber nicht bereit, selber mal aktiv zu werden. Und das, was sie am besten können, ist meckern, dass hier nichts los ist. Aber wenn mal was los ist, dann geht niemand hin. Es kann ja immer noch besser werden, wir geben die Hoffnung nicht auf. Mein Mann und ich, wir sind eigentlich immer aktiv mit dabei, wenn es irgendwas zu bewegen gibt.“