Lauchhammer Geschichten (II)

„Lauchhammer ist die industrielle Wiege der Lausitz und darauf sind wir sehr stolz“

Jannick Steinke hat sich mit Carmen Sahl vom MehrGenerationenHaus sowie mit Gerlinde Michaelis vom Kultur- und Heimatverein über den Strukturwandel in Lauchhammer unterhalten. Dabei ging es unter anderem auch um die Frage, was Lauchhammer heute noch lebenswert macht.

Jannik Steinke studiert Kommunikationswissenschaft an der Universität Greifswald. Der Podcast wurde im Jahr 2026 produziert.

Carmen Sahl: Ich denke mal, bei vielen ist es so noch diese Grundstimmung nach der Wende, dass man sich nicht auf Neues einlassen will oder auch schon schlechte Erfahrungen gemacht hat und dann sagt: Okay, das hat jetzt damals schon nicht geklappt. Was soll denn jetzt noch werden?

Gerlinde Michaelis: Wir haben immer früher gesagt: Ich bin Bergmann, wer ist mehr? Das war zu DDR-Zeiten der Spruch und dass das dann natürlich bei den Leuten, die ihre eigene Arbeitsstätte abreißen mussten, Schmerzen hinterlassen hat, Narben hinterlassen hat, das ist ja wohl klar.

Jannik Steinke: Hallo und herzlich willkommen zu Lokalstimmen, einem Podcast im Rahmen des VOICES-Projekts. In dieser Serie möchten wir Menschen aus Regionen, die vom Strukturwandel betroffen sind, eine Stimme geben und ihre Perspektive hörbar machen. Mein Name ist Jannik Steinke. Und für diese Folge war ich in Lauchhammer unterwegs, einer Stadt im Süden Brandenburgs, die auf eine rund 300-jährige Industriegeschichte zurückblickt. Einst berühmt für ihren Kunstguss und später geprägt vom massiven Braunkohleabbau der DDR-Zeit steht Lauchhammer heute, nachdem viele Werke und Schornsteine verschwunden sind, mitten im Strukturwandel. In Lauchhammer habe ich mich mit zwei Frauen getroffen, Frau Michaelis und Frau Saal. Empfangen haben sie mich in einem umgenutzten Schulgebäude, das heute als Vereinszentrum dient. Frau Michaelis war früher selbst Lehrerin an dieser Schule und engagiert sich seit rund 30 Jahren im Heimat- und Kulturverein Lauchhammer. Mit ihr spreche ich unter anderem über die historische Identität der Stadt und worauf die Menschen hier heute noch stolz sein können. Frau Saal arbeitet im Mehrgenerationenhaus Lauchhammer. Sie ist im direkten Kontakt mit den Menschen und berichtet mir, was sich im Ort spürbar verändert und welche Herausforderungen sie im Alltag beobachtet.

Carmen Sahl: Mein Name ist Carmen Saal. Ich bin 33 Jahre alt und bin 2013 in die Lausitz
gekommen und lebe seit 2018 schon in Lauchhammer.

Gerlinde Michaelis: Mein Name ist Gerlinde Michaelis. Ich bin die Vorsitzende des Kultur- und Heimatvereins Lauchhammer e.V. Ich lebe schon immer in Lauchhammer. Ich habe zwar in Potsdam studiert, aber ich bin dann wieder nach Lauchhammer zurückgekehrt.

Carmen Sahl: Ich bin durch die Liebe hierhergekommen. Ich habe meinen Mann online kennengelernt, bin dann nach meiner ersten Ausbildung hierhergezogen, habe dann an der BTU Therapiewissenschaften studiert und ja, letztendlich haben wir dann geheiratet und uns ein Haus gesucht und ja leben jetzt hier auch aufgrund, dass unsere Freunde halt hier leben in Lauchhammer. Lauchhammer ist eher langgezogen. Früher haben hier sehr viele Leute gelebt, dadurch, dass es in der Kohleindustrie sehr stark geprägt war. Uund sage ich mal nach der Wende, was ich auch so von Einheimischen mitbekommen habe, hat sich das sehr sehr stark reduziert. Natürlich auch durch den Kohleausstieg, dass hier das auch nicht weiterverfolgt wurde. Genau. Ist einfach Lauchhammer mit vielen kleinen Ortsteilen einfach sehr weitläufig.

Gerlinde Michaelis: Lauchhammer ist eine aus vielen ehemaligen Dörfern zusammengewürfelte Stadt, die entstanden ist mit dem Aufbau der Kokerei in Lauchhammer 1952. Und es ist nicht so einfach, weil diese Gebiete doch auch ein bisschen auseinander liegen. Man hatte mal vor, diese Dörfer zu vereinen und zwar zuzubauen, damit dort eine Einheit entsteht. Aber nach der Wende hat sich das ins Gegenteil verkehrt, weil eben wieder doch viele Einwohner weggezogen sind. Wir waren mal rund 24.000, 25.000 und im Moment liegen wir unter 14.000 und da weiß man eigentlich schon, welche Entwicklung Lauchhammer genommen hat. Trotzdem sind wir sehr stolz auf unsere Stadt, weil sie nämlich die industrielle Wiege der Lausitz ist, wenn man so will und darüber hinaus. Das macht uns Stolz. Ist aber natürlich auch in der Gegenwart ein schwieriges Feld, was man auch von allen möglichen Punkten aus betrachten muss. Ich hatte eine sehr schöne Kindheit, also ich habe nichts vermisst, überhaupt nichts vermisst. Was mir besonders gefallen, dass man füreinander da war. Ich bin ja nun mal auch auf einem ländlichen Gebiet, in Kleinleipisch, einem Ortsteil von Lauchhammer, groß geworden und dort hat wirklich einer dem anderen schon immer geholfen, was Gott sei Dank sich bis in die Gegenwart erhalten hat, was heute auch sehr wichtig ist, dass dieser Zusammenhalt auch weiter vorhanden ist, was in einer städtischen Umgebung natürlich nicht so einfach ist. Ich habe meine normale Förderung in der Bildung erhalten. Ich bin Arbeiter- und Bauernkind, damals war ja die Förderung darauf abgerichtet, zielte darauf ja ab. Ich hatte eigentlich nicht vor Abitur zu machen, aber ich wurde im Prinzip dazu überredet, dass ich doch Abitur machen sollte. Heute ärgere ich mich darüber nicht mehr, aber damals war es eigentlich gar nicht mein Plan, weil meine Eltern ja auch nicht so viel verdient haben und ich ihnen nicht auf der Tasche liegen wollte. Bin dann praktisch nach dem Abi nach Potsdam gegangen, habe Lehrer studiert für Geschichte und Deutsch und bin dann zurückgekommen nach Lauchhammer und auch geblieben und meine gesamte Tätigkeit auch hier in Lauchhammer bis zur Rente.

Jannik Steinke: Sowohl im Mehrgenerationenhaus als auch im Heimat- und Kulturverein erleben Frau Saal und Frau Michaelis die Stadt aus einer ganz eigenen Perspektive. In unserer Unterhaltung habe ich mit ihnen über ihre tägliche Arbeit gesprochen und darüber, was sich in Lauchhammer in den letzten Jahren spürbar verändert hat. Wir sprechen über konkrete Bruchmomente, Leerstand und das Gefühl, dass Dinge verschwinden, aber auch über das, was Mut macht. Denn durch Engagement sehen sie auch ganz genau die Stärken der Stadt. Den Anfang macht wieder Frau Saal mit einem Blick zurück auf das Jahr 2013 und ihrem allerersten Eindruck von der Region.

Carmen Sahl: Eigentlich erstmal relativ positiv, also man hat trotzdem auch Einkaufsmöglichkeiten hier. Auch der Grünewalder Lauch ist sehr sehr schön und es hat viel Potenzial. Also man merkt jetzt auch durch private Initiativen und durch die Vereine, dass vieles auch entstehen kann. Z.B. der Kinoverein, der sich jetzt neu gegründet hat, die jetzt, sage ich mal, auch im Schlosspark diese Bühne und auch die Leinwand noch mal herstellen wollen. Man merkt, die Leute haben schon auch Lust, was zu bewegen.

Gerlinde Michaelis: Ja, typisch ist für Lauchhammer und das ist ja unser besonderer Stolz, das haben sie gerade in der Hand gehabt. Das ist der Kunstguss und der ist eigentlich bei mir zu Hause auch in der Familie verwurzelt gewesen. Mein Großvater war in der Kunstgießerei als Modelleur und als Ziseleur und dadurch war eine engere Verbundenheit zum Kunstguss vorhanden und das hat mich ein Leben lang begleitet, zumal ich ja Geschichte studiert habe und immer wieder haben die Kunstgussstatuen und was dort alles gefertigt wurde meine Wege gekreuzt. Und bei uns zu Hause ist auch die Vitrine voller Kunstguss, weil man sich das auch zum Geburtstag und anderen Feierlichkeiten geschenkt hat. Und wenn man dort gearbeitet hat, hat man auch eine besondere Bindung dazu gehabt. Die Kunstgießerei war ja ein Teil vom Lauchhammer-Werk. Bei mir war es so, dass die Hälfte der Familie im Maschinenbau gearbeitet hat, die Hälfte in der Kohle. Wie das hier so üblich war, gerade in Lauchhammer. Und aus diesem Grund ist das praktisch bei uns so verwurzelt. In Lauchhammer gibt es mehrere Kultur- und Heimatvereine und wir haben uns das aber sehr ordentlich aufgeteilt, damit die Arbeit nicht doppelt gemacht wird. Unser Heimatverein besteht seit 30 Jahren schon und der wurde damals gegründet, weil wir gesehen haben, dass viele Dokumente und Zeitzeugen verloren gehen im Rahmen dessen, was nach der Wende passiert ist. Betriebe wurden geschlossen, Einrichtungen wurden geschlossen, alles wurde zum Teil aus dem Fenster geworfen. So haben wir es erlebt im BFG.

Carmen Sahl: Also, man merkt auch schon eine hohe Frustration bei einigen Leuten. Aber man merkt auch, dass jetzt auch junge Familien wieder hierherkommen und das gibt einem schon Hoffnung. Auch Veränderung, die ich jetzt hier bemerkt habe, ist überwiegend im Seenland direkt, dass man jetzt, sage ich mal, viel Wert auch auf Städte legt, wie Senftenberg und Großräschen, die Häfen dort neu aufgebaut worden sind und auch vieles dort auf den Tourismus halt, der Schwerpunkt halt auf den Tourismus gelegt wird. Hier in Lauchhammer ist es eher kleinschrittiger als in Senftenberg. Seit 2013 hat sich jetzt in Senftenberg sehr sehr viel bewegt und in Lauchhammer muss ich sagen, ist es ja, ich denke mal durch die Grundeinstellung mancher Menschen ein bisschen schwieriger, aber trotzdem auch machbar.

Gerlinde Michaelis: Weil doch viele so viele negative Erfahrungen gemacht haben in der Wende, dass sie doch einen seelischen Schaden auch manchmal davongetragen haben oder es bleibt viel zurück an Schmerzen, sage ich mal. Und wenn man dann niemanden hat, mit dem man sich austauschen kann oder wo man auch ein bisschen aufgebaut wird, dann ist das natürlich nicht gut. Ich sage immer: die Kohle ist weg, aber die Statuen und alles was hier in Lauchhammer gegossen wurde, steht überall. Die stehen in Berlin, die stehen in Dresden, die stehen in New York, die stehen in Tokio. Das sind Glocken von uns, die sind überall. Das sind Denkmale, die dort aufgestellt worden sind und darauf kann man doch stolz sein. Ja, das ist vorbei, aber es braucht seine Zeit, um Neues aufzubauen und da müssen wir durch. Wir müssen einfach die Kraft aufbringen und Geduld, dass sowas passiert.

Carmen Sahl: Typische Probleme der Menschen, die ich jetzt in meiner Arbeit wahrnehme – ich habe mit dem Mehrgenerationenhaus auch einen Sonderschwerpunkt im Bereich Lesen und Schreiben im Erwachsenenalter, also Bereich Grundbildung und da merke ich tatsächlich starke Schwierigkeiten. Also im Bundesvergleich sind es ungefähr 6% der Menschen, die von der Schule abgehen ohne Schulabschluss und hier im Landkreis sind es 10%. Es ist wirklich wirklich ein starkes Problem. Dazu kommen auch Drogenproblematiken häufig mit hinzu. Menschen fühlen sich oft auch perspektivlos. Ich bin froh, dass sich jetzt das Grundbildungszentrum neu gegründet hat. Vorher war ich so ein bisschen eine Alleinkämpferin hier im Landkreis. Aber durch das Grundbildungszentrum haben wir jetzt ein bisschen mehr Aufmerksamkeit für diese Problematik bekommen. Sind jetzt auch im Jobcenter unterwegs und erweitern da wirklich das Netzwerk, um da den Menschen auch zu helfen. Ansonsten muss ich sagen, es altert die Gesellschaft hier auch sehr stark. Auch gerade von unseren Klienten hier, von den Besucherinnen und Besuchern ist das Durchschnittsalter einfach sehr hoch. Dementsprechend sind auch gesundheitliche Themen sehr stark vertreten. Und was natürlich jetzt auch langsam nachkommt, sind die jungen Familien. Dass man auch schaut, was kann ich hier mit meinen Kindern machen? Das bewegt jetzt auch viele Leute. Was kann ich mit meinen Kindern machen? Wie kann ich mit meinem Kind zum nächsten Verein kommen? Was gibt es für Aktivitäten? Das ist hier auch vertreten.

Gerlinde Michaelis: Ich bin Gründungsmitglied damals gewesen. Damals waren wir 50, wenn ich mich richtig erinnere. 50, 60 waren wir sogar. Es ist, sage ich mal, ganz natürlich, dass die älteren Leute dann wegsterben müssen.

Carmen Sahl: Im Wandel direkt gibt es unterschiedliche Aspekte. Wie ich schon gesagt habe, man merkt, viele Leute zeigen Initiative, haben Ideen, wollen vorankommen, wollen auch ihre Heimat nicht aufgeben. Aber dann gibt’s auch Rückschläge. Also z.B. vor Jahren jetzt die Schließung von Vestas hier, das war auch noch mal ein starker Einbruch. Es sind etliche Arbeitsplätze verloren gegangen. Man hat da draufgesetzt. Dann S-Volt, die sich auch angliedern wollten eigentlich und dann doch abgesprungen sind. Lauchhammer hat schon sehr viele Rückschläge erlebt. Manche gehen gestärkt hervor und sagen: okay, wir probieren es weiter, wir machen weiter. Man merkt auch, dass viele sagen, okay, wir resignieren hier, wir sehen keine Perspektive, wandern dann quasi eher in größere Städte. Also auch in meinem Freundeskreis gibt’s Leute, die dann gesagt haben, okay, ich ziehe jetzt nach Dresden, dort finde ich meine Arbeit und ich bleib da und habe auch andere Menschen um mich herum, nicht immer nur dieses Negative, was natürlich nicht ausschließlich ist. In manchen Stadteilen ist, sage ich mal, mehr Resignation zu verspüren. Andere, wie gesagt, die wollen ihre Heimat jetzt nicht so kampflos aufgeben.

Gerlinde Michaelis: Eigentlich hatten wir nach der Wende eigentlich die Hoffnung, dass Lauchhammer trotzdem noch einen guten Weg geht, weil Takraf hatte eine ganz starke Stellung immer noch. Es gab auch die verschiedensten Betriebe noch auf dem Eisenwerksgelände. Dann kam Vestas, die auch eine große Hoffnung in Lauchhammer verbreitet haben, die ja 500 Mitarbeiter ungefähr hatten. Und ich sage mal, das Einzige, was eben wegfiel, war unsere Kohle. Das war so, dass diese Arbeitsplätze ja komplett weggefallen sind und das waren über 5000, die da in der Kohle und in verarbeitenden Betrieben waren. Da hatten wir immer noch Hoffnung, dass diese industrielle Entwicklung vorangeht, weil wir auch auf unsere starke industrielle Geschichte gesetzt haben, die wir ja haben. Das ist leider nicht so gekommen. Vestas ist gegangen. Großer Verlust. Und man sieht auch jetzt, dass wertvolle Betriebe doch auch nicht mehr so viele Mitarbeiter haben. Also klein- und mittelständische Betriebe sind hier doch in der Mehrzahl, die halten immer noch das Ganze am Laufen. Aber umso wichtiger ist, weil ich erst gesagt habe, dass dieser Bruch gerade in der Kohle doch viel angerichtet hat, dass man den Leuten den Mut und Stolz auf ihre Vergangenheit in die Gegenwart trägt. Ansonsten ist das schwierig. Wir haben immer früher gesagt: Ich bin Bergmann, wer ist mehr? War zu DDR-Zeiten der Spruch und dass das dann natürlich bei den Leuten, die ihre eigene Arbeitsstätte abreißen mussten, Schmerzen hinterlassen hat, Narben hinterlassen hat, das ist ja wohl klar. Und das wirkt bis heute nach. Muss man mal deutlich sagen. Das ist lange, das ist nicht überwunden. Je mehr Industrie weggeht, desto schlimmer wird es. Dann sagen die, hat ja alles keinen Zweck mehr, sich hier groß einzubringen, geht sowieso alles den Bach lang. Und das ist natürlich schade, dass sich diese Entwicklung so vollzieht. Das tut uns wirklich auch sehr weh.

Carmen Sahl: Ich denke persönlich schwierig, finde ich tatsächlich, das ist aber ein gesamtes Problem, glaube ich, jetzt in der heutigen Gesellschaft, dass sobald man gegensätzliche Meinung hat, dass man nicht mehr miteinander sprechen kann. Dass man sich nicht gegenseitig ausreden lässt, dass man denjenigen sofort abschreibt, weil es halt eine andere Meinung ist. Sei es politisch oder in irgendeiner gesellschaftlichen Form. Dass es zum Teil auch persönlich beleidigend wird. Das finde ich sehr dramatisch, diese Entwicklung. Hier in Lauchhammer direkt merkt man auch oder generell auch in der Lausitz ja eine eher rechtsorientierte Gesellschaft. Natürlich um Gottes Willen nicht alle, aber man merkt, dass es politisch durch die Frustration insgesamt auf die Politik gesehen ja, die Leute sich jetzt umorientieren und Hoffnungen in etwas schöpfen, was ganz schnell in die Hose gehen kann.

Gerlinde Michaelis: Also die Probleme sind tatsächlich, dass es keine echten Ansiedlungen in Lauchhammer mehr gibt. Der Abgang ist immer noch vorhanden und es geht immer noch mehr weg auch von Lauchhammer und es gibt eigentlich nicht mehr diese große Industrie. Deswegen habe ich gesagt, die Unterstützung für klein- und mittelständische Unternehmen muss hier wirklich erfolgen, ansonsten wird das ein großes Problem. Das zweite ist, dass nicht nur nach der Wende viele junge Leute hier weggegangen sind. Ich hatte ja erst von der Einwohnerzahl gesprochen. Das macht ja schon einiges deutlich. Es ist immer noch so, dass wenn man eben eine ordentliche Arbeit finden will, man den Ort verlassen muss. Wir sind ja nun muss auch sagen, immer noch Randgebiet von Dresden. Die meisten von uns arbeiten, die Jüngeren arbeiten in Dresden und Umgebung. Das ist so unser Einzugsgebiet geworden. Also Sachsen, wenn du es so willst. Und das ist schon schwierig. Das nächste ist, dass darauf, dass so wenig Einwohner jetzt noch da sind, ja, die Wohnblöcke weggebrochen werden, eins nach dem anderen. Wenn man von Lauchhammer-Mitte nach Lauchhammer-Ost fährt, über den Butterberg, sieht man, dass dort mindestens schon fünf, sechs Blöcke weggerissen worden sind und dass demnächst noch drei wegkommen werden. Man konzentriert sich auf die innere Struktur, fängt von außen an abzureißen, aber dadurch entfernen sich auch diese dörflichen Stadtteile noch weiter vom Stadtinneren. Das heißt, ein städtisches Bewusstsein wird immer schwieriger. Die Leute organisieren sich in ihren Orten, das funktioniert auch wunderbar. Gott sei Dank, muss man sagen. Aber dieser städtische Charakter ist sowieso schon schwierig gewesen in Lauchhammer aufgrund dessen, wie Lauchhammer entstanden ist als Stadtgebiet. Haben Sie ja vielleicht auch mitbekommen, wenn man hier durchfährt, so ein richtiges Stadtzentrum gibt’s ja eigentlich nicht. Das wird auch wirklich immer schwerer. Und da hat es das Quartiersmanagement auch nicht so einfach, weil es war – vor kurzem hatte ich jemanden gebeten vom Wertewandel-Verein in Kleinleipisch mal vorbeizugucken, wo wir im Mehrgenerationshaus jeden dritten Sonntag im Monat für die Kleinleipischer ein Sonntagscafé machen. Und da machen die jungen Leute Kuchen und bedienen, machen alles. Aber dann kommt nicht nur Kleinleipisch, da kommt auch von (Lauchhammer-)Mitte, die kommen da hin. Das Haus ist mit allen möglichen Kursen besetzt. Da gibt’s töpfern, da gibt’s Sport. Da kann man Veranstaltung machen, da ist der Traditionsverein, da ist der Modellbau. Und da sagte sie mit recht: Warum funktioniert das in Lauchhammer-Mitte nicht? Da habe ich gesagt: Weil es mehr städtischen Charakter trägt. Diese Bekanntheit untereinander, dieser Zusammenhalt ist natürlich in der städtischen Struktur schwieriger zu handeln als wenn man solche dörfliche Struktur hat. Das ist so, ja. Das sind eigentlich so die Probleme.

Carmen Sahl: Stärken des Ortes ist vor allem die Dankbarkeit, die einem dann oft auch entgegenschwingt. Dass die Menschen sich auch freuen, dass man was in die Hand nimmt und Initiative zeigt. Zusätzlich, dass Menschen selber kreativ werden und auch Selbstinitiative zeigen und viele sich dadurch auch nicht unterkriegen lassen, wenn es auch mal schwieriger wird. Positive Entwicklung in Lauchhammer würde ich wirklich sagen, dass die Menschen einfach merken, dass sie auch selber tätig werden müssen. Und dass es nur Hand in Hand geschehen kann und das kommt bei vielen Menschen jetzt auch an. Aber es ist ein Prozess.

Gerlinde Michaelis: Ja, das Stärke ist tatsächlich, dass man, ich sage mal, die Nähe zueinander doch mehr sucht, also die Gemeinschaft mehr sucht. Und das finde ich aber eine sehr gute Sache, weil man nur, wenn man sich gegenseitig hilft und vielleicht auch voneinander was tut und auch für die Stadt nur was tut, dann wird sich hier auch was bewegen. Die Stadt hat kein Geld, das wissen wir alle. Das ist ja an anderen Orten nicht anders. Und kann auch nicht groß was bezahlen. Also ist man auf diese ehrenamtlichen Aktivitäten angewiesen. In Lauchhammer gab es vor 10 Jahren 100 Vereine. Das sind zwar jetzt nicht mehr 100 Vereine. Aber wir haben in Lauchhammer eine rege Vereinstätigkeit in jeglicher Beziehung, ob das Sport, Kultur, was auch immer ist. Auch Tradition hatte ich erst gesagt immer. Dass man sich anguckt, diese vielen Dinge sind für so eine kleine Stadt eigentlich doch außergewöhnlich. Und da baue ich darauf, dass die Stadt und vielleicht auch andere die wichtige Seite des Ehrenamtes erkennen. Das ist meiner Meinung nach noch nicht so gefördert oder, wie soll man sagen, man nimmt es nicht so wahr, dass das eigentlich die Kernzelle ist, die man erhalten muss, wenn man in so einer Situation wie jetzt ist. Finde ich jedenfalls. Anerkennung ist da ganz ganz wichtig. Dass man das auch macht. Und ich hoffe, dass wir da auch noch ein Stück weiterkommen. Die nächste Seite ist, wir haben ja das als einziges richtiges kulturelles Zentrum, haben wir das Kunstgussmuseum. Und ich erhoffe mir wirklich, dass das erhalten bleibt, weil da halten wir uns jetzt immer noch dran fest. Weil es hat nun mal eine große Bedeutung. Sie können sich das durchlesen, was ich da geschrieben habe am Eingang. Dann können Sie auch verspüren, warum wir daran so hängen. Weil darauf sind wir stolz. Und den Stolz zu erhalten auf das Geschaffene, auch wenn es in der Vergangenheit war. Ich sage immer, die Kohle ist weg, aber die Statuen und alles, was hier in Lauchhammer gegossen wurde, steht überall. Die stehen in Berlin, die stehen in Dresden, die stehen in New York, die stehen in Tokio, sind Glocken von uns und es ist überall sind da Denkmale, die dort aufgestellt worden sind und darauf kann man noch stolz sein.

Jannik Steinke: Nach all diesen Geschichten über Strukturwandel, Verlust und Zusammenhalt wollte ich von beiden zum Abschluss noch etwas ganz Konkretes wissen. Etwas, das alles zusammenfasst. Ich habe sie gebeten, sich vorzustellen, sie könnten für eine Woche eine riesige Tafel auf dem Marktplatz von Lauchhammer beschriften, die jeder lesen kann. Was würde draufstehen?

Carmen Sahl: Auf der Werbetafel, einfach diesen Satz vielleicht anbringt: Gebt die Hoffnung nicht auf und glaubt an das Gute im Menschen.

Gerlinde Michaelis: Zieht aus dem Stolz auf das Vergangene die Kraft für Neues.